Titelstory:    Diskussion um Reform des Medizinstudiums
Selbstzufriedenheit ist fehl am Platze

Der Dozent als Moderator

Studenten engagieren sich in der Diskussion um eine Reform des Medizinstudiums

Diskussion

Annette Geyer, Henning Schock und Tim Frenzel (alle 5. Studienjahr) gehören zu den Studierenden, die sich für eine Reform des Medizinstudiums stark machen
Foto: Vöckler

Vor fast sechs Jahren, am 14. Februar 1996, diskutierten Medizinstudenten und Vertreter des Lehrkörpers über das Thema "Lehre und Studium an der Medizinischen Fakultät". KLINIKMAGAZIN hatte seinerzeit dazu eingeladen und berichtete unter dem Titel "Standort Jena - ... besser als der Tabellenplatz" über die Ergebnisse der Diskussion. Am 3. Dezember 2001 - eine "Medizinstudentengeneration" später - trafen sich Annette Geyer (Innovationsprogramm Medizin), Tim Frenzel (Fakultätsrat) und Henning Schock (Fachschaft Medizin) sowie Frau Prof. Dr. Annelies Klein (Sprecherin für Lehre und Fortbildung im Innovationsprogramm Medizin), um erneut über die Situation von Lehre und Studium an der Medizinischen Fakultät zu sprechen. Dabei wurde deutlich: Manchen 1996er Problemen (Studieren nach "dreierlei Recht") haftet inzwischen das Etikett "historisch" an, andere (bessere Verbindung zwischen Klinik und Vorklinik) sind hingegen noch immer aktuell.

Die Vorzüge der Ausbildung in Jena - dies wurde bereits zu Beginn der Gesprächsrunde deutlich - liegen vor allem in der Studienorganisation mit ausreichend Kursplätzen für die in der Regelstudienzeit Studierenden. "Dadurch entfällt die Notwendigkeit, sich frühmorgens nach Kurs- oder Praktikumsplätzen anzustellen, wie dies an vielen deutschen Universitäten inzwischen gang und gäbe ist; wohlbemerkt ohne die Garantie, auch einen solchen zu erhalten." Mit der perfekten Jenaer Studienorganisation - "man muss sich organisatorisch praktisch um nichts kümmern" - ist "die Absolvierung des Studiums in der Regelstudienzeit problemlos möglich. Weit schwieriger ist es allerdings", so Henning Schock, "neue Ideen und Methoden in der Lehre durchzusetzen. Hier spielt Jena längst nicht mehr in der 1. Liga, hier sind andere Fakultäten schon wesentlich weiter."
Als reformbedürftig empfinden die Studenten die nach wie vor mangelhafte Verbindung von vorklinischer und klinischer Ausbildung sowie verschiedene klinische Praktika. Letzteres ist "keine Frage des guten Willens oder der Motivation der ausbildenden Ärzte, sondern vor allem eine Frage der Organisation des Praktikums, da die Ärzte neben der Lehrtätigkeit auch noch in den Stationsalltag eingebunden und mit der Lösung beider Aufgaben zeitlich oftmals überfordert sind." Sinnvoller wäre daher die Einführung eines "Blockpraktikums", das den Studierenden die Möglichkeit eröffnen würde, sich über ein, zwei oder drei Wochen konzentriert mit einem Fachgebiet zu beschäftigen: "Vormittags Praktikum mit Einbindung der Studenten in den Stationsbetrieb und nachmittags Vorlesung, um die theoretischen Grundlagen zu schaffen und Theorie und Praxis möglichst eng miteinander zu verbinden. Dies wäre eine optimale Lösung", meinte Annette Geyer. Durch eine Rotation innerhalb des jeweiligen Fachgebietes - wie in der Inneren Medizin bereits erfolgreich praktiziert - wäre es zudem möglich, in dieser Zeit die verschiedenen Bereiche der jeweiligen Klinik aber auch die unterschiedlichsten Krankheitsbilder kennenzulernen. Wird dies konsequent durchgeführt, hat man am Ende sowohl über die Klinik als auch das entsprechende Fachgebiet einen recht guten Überblick. Besonders effektiv wäre es, wenn sich an das Praktikum ein POL-Seminar anschließen würde, in dem die gesehenen Fälle diskutiert werden könnten. "An einigen Kliniken findet man diesbezüglich bereits recht gute Ansätze, aber leider gibt es nach wie vor viele Fächer, in denen sich in punkto Reformstudium noch nicht allzu viel tut. Das Medizinstudium ist in seiner heutigen Form noch immer viel zu stark auf Faktenlernen ausgerichtet, während das Methodenlernen oftmals nur eine untergeordnete Rolle spielt", umriß Henning Schock die Situation aus seiner Sicht.
Allerdings verhalten sich auch viele Studenten neuen Ideen gegenüber eher "reserviert". So scheiterte bspw. eine vor einigen Jahren mit großem Aufwand vorbereitete fakultative Veranstaltung, die sich mit ausgesprochen praxisrelevanten Themenkomplexen wie "Das blaue Auge" oder "Der Kopfschmerz" beschäftigte und diese aus vorklinischer und klinischer Sicht - von der Anatomie und Physiologie bis hin zur Neurologie und Neurochirurgie - interdisziplinär beleuchtete, an der mangelhaften Beteiligung der Studierenden, bedauerte Frau Prof. Klein. Zudem ist vielen Studenten auch das Innovationsprogramm Medizin weitgehend unbekannt. Daher fände ein kompletter Umstieg auf "problemorientiertes Lernen" (POL) in der Studentenschaft derzeit auch keine Mehrheit. Umfragen belegen, dass dies nur etwa 25% der Medizinstudenten begrüßen würden. Am günstigsten, so Annette Geyer, wäre ohnehin eine Kombination zwischen einem Grundanteil Frontalunterricht und problemorientierten Unterrichtsformen. Was dann möglich ist, zeigen die POL-Seminare, die in das Pädiatrie-Praktikum integriert sind und in denen Fälle vorgestellt, Diagnosen erhoben, selbstständig Behandlungsstrategien entwickelt und schließlich Lernziele definiert werden. "Die Studenten erarbeiten sich den jeweiligen Fall selbst, suchen Lösungswege, erkennen und beheben gemachte Denkfehler. Der Dozent - in diesem Falle Prof. Brandl - hält sich in der Diskussion weitgehend zurück und fungiert eher als Moderator." Diese Methode, bei der man viel über den konkreten Fall aber auch "das Drumherum" lernt, kommt bei den Studierenden sehr gut an, ist ausgesprochen effektiv und wäre in jedem Fach praktikabel, meinten auch Tim Frenzel und Henning Schock: "Auf diesem Gebiet muss sich aber noch wesentlich mehr tun, damit wir in Jena nicht den Anschluss verlieren.
Letztendlich geht es darum, das Studium in hoher Qualität zu absolvieren, die Regelstudienzeit möglichst effektiv zu nutzen und in den Lehrveranstaltungen stärker auf die Probleme des Arztberufes sowie die Bewältigung des späteren medizinischen Alltags einzugehen."
Das Fazit der gut einstündigen Diskussion lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die an der Fakultät bestehenden Vorteile sollten unbedingt erhalten, die Lehrformen müssen aber in vielen Bereichen reformiert werden und den aktuellen Entwicklungen stärker Rechnung tragen. Dafür sollten sich Fakultät und Studierende noch stärker gemeinsam engagieren. Schließlich - so die Studenten unisono - wird der Ruf einer Fakultät unter den Studierenden maßgeblich von der Qualität der Lehre geprägt. mv

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Selbstzufriedenheit ist fehl am Platze

Prof. Bernhard Strauß

Prof. Strauß: Die Qualität der Lehre ist ein wichtiger Standortfaktor

"Die Zukunft der Lehre in der Medizin hat längst begonnen", überschrieb Studiendekan Prof. Dr. Bernhard Strauß seinen "primo loco" im Juni-Heft des KLINIKMAGAZINs. Wie es damit in Jena konkret aussieht, erfragten wir im folgenden Gespräch.

Welche Möglichkeiten, reformierend in die Lehre einzugreifen und neue Lehrmethoden zu testen, haben die Fakultäten?

Trotz der noch immer ausstehenden Novellierung der Approbationsordnung ist das Medizinstudium inzwischen flexibler geworden, da es eine Reformklausel gibt, die den einzelnen Fakultäten beachtliche Gestaltungsspielräume zubilligt und die Möglichkeit eröffnet, bereits im Vorfeld der Novellierung neue Lehrmethoden zu erproben. Und dieser Spielraum wird an einigen Universitäten auch weidlich genutzt, mit dem "Paradebeispiel" Berlin an der Spitze, wo der Reformstudiengang mit erheblichen Mitteln gefördert wird.

Worin besteht das Hauptziel der Reform des Medizinstudiums?
Ziel ist es vor allem, den Frontalunterricht teilweise durch problemorientiertes Lernen (POL) zu ersetzen, eine Methode, bei der sich die Studierenden sehr viel aktiver und produktiver in die Unterrichtsgestaltung einbringen können.

Was ist in dieser Hinsicht bisher in Jena geschehen?
Wir haben vor etwa anderthalb Jahren eine Veranstaltung unter dem Motto "Medizinstudium im neuen Jahrtausend" durchgeführt, mit guten Ansätzen und der Hoffnung, die Fakultät insgesamt in Richtung POL zu motivieren. Leider war die Resonanz in der Folgezeit eher spärlich. Gefördert werden die Reformanstrengungen durch einzelne Hochschullehrer sowie das Innovationsprogramm Medizin. So haben wir begonnen, in einigen Fächern den Unterrichtsstil hin zum POL zu verändern. Das betrifft bspw. die Medizinische Soziologie aber auch die Kinderklinik, die seit diesem Semester ihre Praktika komplett auf POL umgestellt hat. Nach allem, was ich höre, sind die Studenten von dieser Unterrichtsform begeistert. Zum anderen sind wir dabei, für die klinischen Veranstaltungen einen Lernzielkatalog zu erstellen, in dem die Inhalte definiert sind, die in den einzelnen Unterrichtseinheiten vermittelt werden müssen, um es nicht dem Zufall zu überlassen, ob jemand während seines Medizinstudiums mit diesem oder jenem Krankheitsbild konfrontiert wurde oder nicht. Letzteres hat mit "Reformstudium" allerdings gar nichts zu tun, sondern ist ein Instrument zur Qualitätssicherung in der Lehre.

Über die Vorzüge problemorientierten Lernens wurde an den deutschen Universitäten schon vor 20 Jahren geredet. Warum dauert dessen Umsetzung so lange?
In anderen Fächern ist dies längst geschehen. Die Medizin hinkt auf diesem Gebiet leider traditionell hinterher. Hier mussten erst Impulse von außen kommen, vor allem von der Harvard Medical School, einer der großen Eliteuniversitäten der USA, die in den frühen 90er Jahren komplett auf diese Unterrichtsform umgestellt hat.

Ist dies wirklich praktikabel, hat nicht gerade das Medizinstudium auch etwas mit "Pauken" zu tun?
Natürlich werden Medizinstudenten auch künftig um das "Pauken" nicht herumkommen. Dennoch ist es notwendig, stärker problemorientiert und interdisziplinär zu arbeiten, also bspw. nicht nur die Anatomie eines bestimmten Gebietes zu lernen, sondern gleichzeitig auch die Pathologie und den klinischen Bezug. Dadurch wird das erworbene Wissen stabiler und anwendungsbereiter. Machen wir uns doch nichts vor: Unser heutiges Medizinstudium ist viel zu stark darauf angelegt, im Multiple-Choice-Test die Kreuze an der richtigen Stelle zu machen. Und dies wird ja von vielen Studenten sogar gefordert! Nur, mit einem kreativen Studium hat dies nichts zu tun. Und auch für den späteren Beruf bringt es nicht allzu viel, denn auf diese Art "Gepauktes" wird sehr schnell wieder vergessen.

Wie steht das zuständige Bundesministerium zu den Reformbemühungen?
Durchaus positiv, was die von mir angesprochene Reformklausel ja bereits deutlich macht. Ich denke, dass in der novellierten Approbationsordnung die strikte Trennung zwischen Vorklinik und Klinik aufgehoben und die Entwicklung stärker in Richtung POL und Interdisziplinarität gehen wird.

Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach die Qualität der Lehre für die Attraktivität einer Hochschule und die Wahl des Studienortes?
Eine ganz entscheidende. Eine Universität, eine "Hohe Schule" hat ihre primäre Existenzberechtigung nun einmal durch die Lehre. Wenn die Universität als Schule für die Studierenden unattraktiv wird, bleiben diese aus und dann gibt es auch weniger Geld, denn auch der Landeszuschuss wird in erster Linie für die Lehre gezahlt. Wir sind momentan in Deutschland in einer eigenartigen Situation. Erstmals gibt es Medizinische Fakultäten, die mehr Studienplätze als Bewerber haben. Dieses Problem haben wir in Jena - noch - nicht. Das hängt gewiss mit dem guten Ruf der Fakultät zusammen und dabei spielt die Qualität der Lehre eine wichtige Rolle. Auch die Zahl der außerthüringischen Medizinstudenten hat in Jena in den letzten Jahren vor allem deshalb zugenommen, weil sich herumgesprochen hat, dass man hier gut studieren kann. Dennoch ist Selbstzufriedenheit fehl am Platze. Der Wettbewerb um die Studierenden wird härter werden und es gibt inzwischen auch einige Indikatoren - wie die relativ hohe Abwanderungsquote nach dem Physikum - die uns zu denken geben sollten.

Viele Studierende möchten ihr Studium mit einem Auslandssemester verbinden. Welche Möglichkeiten gibt es hier?
Zum einen spezielle Austauschprogramme wie "Erasmus", das über die EU angeboten wird, aber es gibt auch zahlreiche andere Möglichkeiten. Ich habe den Eindruck, dass diese von den Studenten in zunehmendem Maße wahrgenommen werden. Hinderlich ist vor allem, dass das Landesprüfungsamt nicht alle Leistungen, die im Ausland erbracht werden, anerkennt und die Beibringung aller möglichen Nachweise mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden ist. Zum anderen wird an unserer Universität sehr viel Wert darauf gelegt, dass das Studium in der Regelstudienzeit beendet wird, was ein Großteil der Medizinstudenten auch schafft. Das ist aber mit einem Auslandsaufenthalt oftmals nicht vereinbar, weil man dann schnell ein oder zwei Semester "verliert".

Das wäre dann aber doch eine lässliche Sünde ...
Das sehe ich auch so und deshalb stehe ich Auslandssemestern auch sehr positiv gegenüber, denn Auslandserfahrungen, eine Erweiterung der Sprachkenntnisse aber auch das Kennenlernen anderer Gesundheitssysteme sind für die künftige berufliche Tätigkeit im vereinten Europa von immenser Bedeutung.

Vielen Dank.
(Das Gespräch führte Dr. Matthias Vöckler)

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