| KM-Sprechstunde: | Medikamente gegen Krebs |
| 10 Jahre Tumorzentrum Jena |
Prof. Dr. Klaus Höffken, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II
Medikamente gegen Krebs
In Deutschland werden pro Jahr etwa 15.000 Krebspatienten mit einer Chemotherapie geheilt
Paul Ehrlich, Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 1908, war der erste, der den Begriff "Chemotherapie" verwendete. Er verstand darunter jedoch keineswegs Medikamente gegen Krebs, sondern chemische Substanzen zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten.
Die erfolgreiche Methode Ehrlichs, Wirkstoffe gezielt auf ihre Effekte zu prüfen und synthetisch weiter zu entwickeln, wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch für die Entwicklung von Krebsmedikamenten übernommen. Analog zur Chemotherapie gegen Infektionserreger wie Bakterien oder Pilze sollten Arzneimittel geschaffen werden, die gesunde Zellen weitgehend "unbehelligt" lassen, auf Krebszellen jedoch "zytostatisch" wirken, d.h. das Wachstum sich unkontrolliert vermehrender Zellen hemmen. In den fünfziger Jahren gelang es erstmals, Krebspatienten mit Hilfe eines Medikamentes - des noch heute verwendeten Methotrexat - erfolgreich zu behandeln. Inzwischen gibt es rund 50 verschiedene zellteilungshemmende Medikamente (Zytostatika), etwa 70 weitere werden derzeit klinisch erprobt. Sie entfalten ihre Wirkung in erster Linie in der Steuerzentrale der Zelle, dem Zellkern, und schädigen dort das Erbmolekül, die DNS. Infolgedessen stirbt die Zelle ab oder sie ist nicht mehr fähig, sich zu teilen.

Medizin-Nobelpreisträger Paul Ehrlich (1854-1915) gilt als Begründer der "Chemotherapie"
Zytostatika erreichen auch "versteckte" Tumorzellen
Mit dem ersten Zytostatikum stand Anfang der fünfziger Jahre neben der Operation und der Bestrahlung eine weitere Behandlungsmethode zur Verfügung. Medikamente haben den Vorteil, dass sie eine "systemische", d.h. eine den ganzen Körper betreffende Behandlung ermöglichen. Die als Infusion, Spritze oder Tablette verabreichten Zytostatika verteilen sich mit dem Blutstrom in alle Gewebe und Organe des Körpers und können auf diese Weise auch "versteckte" Tumorzellen erreichen und zerstören. Eine Ausnahme ist das Gehirn, das nur von bestimmten Zytostatika erreicht werden kann.
Die systemische Therapieform erlaubte es erstmals, fortgeschrittene Krebsstadien, die bereits Tochtergeschwülste (Metastasen) gebildet hatten, zu behandeln. Bei bösartigen Krankheiten, die den ganzen Körper betreffen - beispielsweise Blutkrebs - ist die Chemotherapie die einzige bzw. vorrangige Behandlungsform. Inzwischen werden Zytostatika auch gezielt eingesetzt, um örtlich begrenzt wachsenden Tumoren zu begegnen. Diese regionale Chemotherapie wird zumeist mit einer Operation oder Bestrahlung kombiniert. Ein Beispiel ist die Verabreichung direkt in die Leberarterie, um Metastasen in der Leber zu bekämpfen. Der Vorteil der regionalen Chemotherapie ist, dass "an Ort und Stelle" hohe Konzentrationen der krebshemmenden Stoffe erreicht werden, ohne dass der ganze Organismus belastet wird. Viele dieser Verfahren befinden sich allerdings noch in einem experimentellen Stadium.
In Deutschland werden jährlich etwa 15.000 Patienten mit einer Chemotherapie geheilt. Besonders beeindruckende Erfolge konnten bei bestimmten Tumoren des Kindesalters erreicht werden: Vor Einführung der Chemotherapie verliefen Blutkrebserkrankungen (Leukämien) unausweichlich tödlich - heute können mit ihrer Hilfe über 70 Prozent der an Blutkrebs erkrankten Kinder dauerhaft geheilt werden.
"Adjuvante" und "neoadjuvante" Chemotherapie
Bei den meisten bösartigen Erkrankungen werden zellteilungshemmende Medikamente mit anderen Verfahren wie Operation oder Bestrahlung kombiniert. Die "adjuvante" Chemotherapie erfolgt nach einer Operation oder Bestrahlung, um mit Hilfe der Medikamente möglicherweise verbliebene Tumorreste und Tochtergeschwülste zu bekämpfen. Manchmal beginnen die Ärzte eine Chemotherapie bereits vor einer Operation oder Strahlenbehandlung. Diese "neoadjuvante" Chemotherapie hat zum Ziel, den Tumor zu verkleinern. Auf diese Weise soll eine bessere Ausgangssituation für die weitere Behandlung erreicht werden.
Eine besondere Behandlungsform ist die so genannte "Hochdosischemotherapie mit Stammzelltransplantation". Vor einer hochdosierten Chemotherapie - dabei wird eine drei- bis fünffach stärkere Dosis als üblich verabreicht - werden die lebenswichtigen blutbildenden Stammzellen des Knochenmarks "in Sicherheit" gebracht und dem Patienten nach der intensivierten Behandlung mit Zytostatika wieder zurückgegeben. Diese Form der Chemotherapie kommt nur bei bestimmten Krebsarten - so bei Leukämien, Lymphomen, Hodenkrebs, Sarkomen und bestimmten Formen des Mammakarzinoms - zum Einsatz.
Die Art und Weise einer Chemotherapie wird vom Arzt für jeden Patienten individuell bestimmt. Grundlage der Therapie sind Behandlungsprotokolle, in denen das genaue, nach dem aktuellen medizinischen Kenntnisstand am besten bewährte Vorgehen festgelegt ist. In den meisten Fällen wird nicht nur ein Zytostatikum (Monochemotherapie) verabreicht, sondern mehrere Zytostatika mit unterschiedlichen Wirkprinzipien (Polychemotherapie) zum Einsatz gebracht. Dadurch sollen der Behandlungserfolg optimiert und Nebenwirkungen minimiert werden. Die Chemotherapie erfolgt in mehreren Zyklen: Üblicherweise werden die Medikamente über einen Zeitraum von einem bis zu fünf Tagen verabreicht. Danach folgt eine Pause, in der sich die gesunden Gewebe und Organe des Körpers, beispielsweise das Knochenmark oder die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts, von der zellschädigenden Wirkung der Zytostatika erholen können.
Nebenwirkungen möglichst gering halten
Die Nachteile der Chemotherapie hängen direkt mit den erwünschten zellschädigenden Effekten zusammen: Die Medikamente wirken nicht nur auf Tumorzellen ein, sondern auch auf alle anderen Zellen, die sich natürlicherweise schnell teilen, beispielsweise Zellen der Schleimhaut, der Haarwurzel oder des Knochenmarks. Die Folgen sind Störungen im Verdauungstrakt, Haarausfall und Veränderungen der Blutwerte. Zu den häufigen Nebenwirkungen, die bei einer Therapie mit Zytostatika auftreten können, zählen auch Übelkeit und Erbrechen, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Durchfall und allgemeines Unwohlsein. Um Nebenwirkungen rasch zu erkennen und ihnen zu begegnen, erfolgen während einer Chemotherapie häufig Kontrolluntersuchungen. Heute können die wichtigsten Nebenwirkungen (Ausnahme: Haarausfall) durch Medikamente oder andere Gegenmaßnahmen gelindert oder ganz verhindert werden. Ein Beispiel sind neuere Medikamente, die - bereits vor Beginn einer Chemotherapie verabreicht - Übelkeit und Erbrechen unterbinden. Schädigungen des Knochenmarks können mit neuen Medikamenten gemildert werden, die Blutzellen zum Wachstum anregen und ihre Regeneration beschleunigen. Diese begleitenden Maßnahmen gehören zur "supportiven", d.h. unterstützenden Therapie.
Derzeit werden neue Zytostatika entwickelt und klinisch erprobt, die besonders selektiv wirken sollen. Sie "treffen" vorwiegend die Tumorzellen und lassen gesunde Zellen unbeschadet. Dies soll mit verschiedenen Methoden erreicht werden. Ein Beispiel sind "eingekapselte Zytostatika": Die Kapseln können nur von Enzymen, die für Tumorzellen typisch sind, "geöffnet" werden. Erst dann wird das Zellgift, das Zytostatikum, freigesetzt. Zudem wird in Therapieoptimierungs-Studien ermittelt, welche Zytostatika in welcher Weise miteinander kombiniert werden müssen, um bestimmte Tumorarten bestmöglich und mit nur geringen Nebenwirkungen zu bekämpfen.
Spezielle Formen der medikamentösen Therapie
Eine weitere medikamentöse Behandlung ist die Hormontherapie, die Verabreichung von Hormonen oder deren Gegenspielern (Antagonisten). Sie wird bei bestimmten Formen von Brust-, Gebärmutter- und Prostatakrebs anstelle einer Behandlung mit Zytostatika oder in Kombination mit zellteilungshemmenden Medikamenten eingesetzt. Eine Hormontherapie kommt in Frage, wenn im Tumorgewebe vermehrt Hormon-Rezeptoren nachgewiesen werden können. An diese Rezeptoren docken Hormone an, welche die Zelle dazu anregen, sich zu teilen. Bei Brust- und Gebärmutterkrebs ist es das weibliche Sexualhormon Östrogen, das den wachstumsfördernden Effekt ausübt, bei Prostatakrebs ist es das männliche Sexualhormon Testosteron. Diese Hormonwirkung kann mit Hilfe von "Gegenspielern" des betreffenden Hormons verhindert werden. Ein Beispiel ist Tamoxifen, ein "Anti-Hormon" oder "Anti-Östrogen". Es wird von den Hormonrezeptoren der Zelle akzeptiert und kann dort andocken, weil es dem natürlichen Östrogen ähnelt. Tamoxifen verfügt aber nicht über die wachstumsfördernden Eigenschaften des Östrogens. Es blockiert die Bindungsstelle für die Östrogene und kann auf diese Weise verhindern, dass die Hormone die Zelle zu unkontrolliertem Wachstum antreiben. Andere Wirkstoffe (so genannte Aromatase-Hemmer) richten sich gegen Enzyme (Aromatasen), die erforderlich sind, damit Hormonvorstufen im Körper in Östrogen umgewandelt werden. Zur medikamentösen Behandlung zählt auch die Therapie mit Lymphokinen, Botenstoffen des Immunsystems. Sie regen die körpereigene Abwehr dazu an, aktiv gegen Tumorzellen vorzugehen (Immuntherapie). Die am häufigsten eingesetzten Lymphokine sind die Interferone. Sie werden mit gutem Erfolg bei bestimmten Formen von Blutkrebs (Leukämie) eingesetzt. Bei anderen Krebserkrankungen (bösartige Erkrankungen des Lymphsystems, bestimmte Formen von Hautkrebs) erfolgt eine Interferon-Therapie auch im Anschluss an eine Chemotherapie oder kombiniert mit Zytostatika.
In jüngster Zeit werden bei einigen Formen von Brust- oder Lymphdrüsenkrebs auch künstlich hergestellte Antikörper erfolgreich verwendet. Es handelt sich dabei um Eiweiß-Moleküle, die sich an bestimmte Strukturen - so genannte Antigene - auf der Oberfläche von Tumorzellen binden, Immunzellen "anlocken" und unter Mithilfe der körpereigenen Abwehr zerstören. Ein Beispiel für diese neue Klasse von Krebsmedikamenten ist Trastuzumab (Handelsname Herceptin), ein Antikörper, der sich gegen ein Oberflächenmerkmal richtet, das auf Brustkrebszellen häufiger als auf normalen Zellen vorkommt. Der Antikörper
kann das überschießende Wachstum bei denjenigen Brustkrebspatientinnen verlangsamen helfen, die das Oberflächenmerkmal in ausreichend großer Menge auf den Zellen tragen. Dies ist bei 20 bis 30 Prozent der Patientinnen der Fall.
Vielversprechende neue Forschungsansätze
Derzeit werden eine Reihe vielversprechender neuer Wirkstoffe für die medikamentöse Behandlung von Krebserkrankungen entwickelt und erprobt. Im Unterschied zu den klassischen Zytostatika, die zwischen gesunden und entarteten Zellen nur bedingt unterscheiden können, suchen die Wissenschaftler beispielsweise nach neuen Wirkstoffen, die an molekularen Informationswegen (zelluläre Signaltransduktion) ansetzen, die für Tumorzellen typisch sind. Hier ist das Medikament Glivec zu nennen, das bei chronischer Leukämie und bestimmten Darmtumoren hochwirksam ist. Ein weiteres Beispiel für neue Wirkstoffe und molekulare Ansatzpunkte, die Grundlagenforscher derzeit prüfen und die möglicherweise
eines Tages zu neuen Krebsmedikamenten weiterentwickelt werden könnten, sind Hemmstoffe der so genannten Neo-Angiogenese. Mit diesem Fachbegriff wird die Fähigkeit von Tumoren bezeichnet, Blutgefäße gleichsam anzulocken und so ihre Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff sicherzustellen. Könnte man diese Neubildung von Blutgefäßen (Neo-Angiogenese) verhindern, ließen sich Tumoren möglicherweise "aushungern". Derzeit werden beispielsweise Substanzen geprüft, die ein bestimmtes Molekül blockieren, das die Aussprossung von Blutgefäßen fördert.
Noch ist jedoch völlig unklar, ob diese Forschungskandidaten auch in der Praxis halten, was sie theoretisch versprechen. Es gibt zahlreiche interessante neue Ansätze - der Weg zum sicheren und wirksamen Medikament ist allerdings noch hürdenreich und lang. Dennoch zeigen die jüngsten Forschungsergebnisse, dass man der Entwicklung in den kommenden Jahren zuversichtlich entgegensehen kann.
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Tumorzentrum Jena: 10 Jahre erfolgreiche Arbeit
10 Jahre Tumorzentrum am Klinikum der FSU - eine Bilanz. Unter diesem Titel hat das Tumorzentrum Jena e.V. in einer Broschüre über seine Arbeit berichtet.
Begonnen hatte es im Jahre 1991, als sich das Zentrum aus einer Arbeits- und Forschungsgemeinschaft "Klinische Onkologie" entwickelte. Mit dem Verbund onkologisch tätiger Ärzte des Klinikums der FSU sowie regionaler onkologischer Einrichtungen wurde eine neue Organisationsstruktur geschaffen. Der Aufbau des Tumorzentrums wurde durch das Bundesgesundheitsministerium und die Deutsche Krebshilfe bis 1996 gefördert. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren bestätigt.
Das Tumorzentrum Jena hat sich in den 10 Jahren seines Bestehens zu einer Leitstelle für Fragen der onkologischen Diagnostik, Therapie und Nachsorge in Thüringen entwickelt. Ambulante Patienten können in 28 Spezialsprechstunden betreut werden. Ein telefonischer Konsiliardienst für alle malignen Erkrankungen bietet Ärzten in ganz Deutschland die Möglichkeit, sich über spezielle Methoden der Diagnostik und Therapie zu informieren. In 10 Fallkonsilien werden Behandlungsstrategien interdisziplinär diskutiert und festgelegt.
Ein Schwerpunkt der Arbeit der Geschäftsstelle des Tumorzentrums bildet die Dokumentation in Form des Klinischen Krebsregisters, in dem seit 1993 etwa 16.000 Tumoren erfasst sind. Die Daten zum Erkrankungsverlauf gilt es ständig zu vervollständigen, auszuwerten und zu bewerten.
Kooperationspartner sind dabei die regionalen Krankenhäuser in Ostthüringen und ca 1.000 niedergelassene Ärzte in ganz Deutschland.
Das Register soll den Informationsfluss zwischen stationärem und ambulantem Bereich verbessern und für die Sicherung des Qualitätsmanagements diagnostischer und therapeutischer Leistungen genutzt werden.
Unter Datenschutzbedingungen erfolgt die Weitermeldung epidemiologischer Daten an das Gemeinsame Krebsregister der neuen Bundesländer. Die meldenden Einrichtungen können im Rücklauf Berichte zur Diagnose, Therapie und Nachsorge sowie weitere Folgeinformationen zum Krankheitsverlauf ihrer Patienten oder individuelle Auswertungen anfordern.
Von 1995 bis 2001 läuft am Tumorzentrum Jena die durch das Bundesgesundheitsministerium geförderte Feldstudie "Mammakarzinom", an der neben den Einrichtungen des Klinikums 10 regionale Krankenhäuser und ca. 400 niedergelassenen Ärzte beteiligt sind. Hierbei wird einmal die Versorgungsrealität von Patientinnen mit einem Mammakarzinom dargestellt, zum anderen aber auch das Ergebnis einer Befragung der Patientinnen zur Lebensqualität und
zur Inanspruchnahme alternativer Behandlungsmethoden vorgelegt. Auch diese Daten werden den behandelnden Ärzten zur Verfügung gestellt.
Einen breiten Raum widmete das Tumorzentrum in den letzten Jahren den onkologischen Fortbildungsveranstaltungen, die nicht nur der individuellen Fortbildung, sondern vor allem auch der Förderung des Erfahrungsaustausches und der interdisziplinären Zusammenarbeit aller onkologisch tätigen Mitarbeiter dienen sollen.
Vor allem die Ärzteschaft der regionalen Krankenhäuser und des Niederlassungsbereiches nimmt diese Veranstaltungsangebote zunehmend wahr. Im Veranstaltungskalender findet man aber auch zahlreiche Informationstage und Gesprächsrunden speziell für Betroffene, deren Angehörige und weitere Interessenten.
10 Jahre Tumorzentrum Jena e.V. - eine Bilanz, die man ohne Zweifel als eine positive bezeichnen kann. Eine Einrichtung, die Kliniker, Ärzte des Niederlassungsbereiches und der regionalen Krankenhäuser, aber vor allem die Patienten nicht mehr missen möchten. jh