KM-Interview  
KM-Interview

Nicht wie Feuer und Wasser

Schulmediziner und Naturheilkundler suchten gemeinsam nach Lösungen

Prof. Christine Uhlemann

Prof. Dr. Christine Uhlemann lädt seit 1999 "Schulmediziner" und Naturheilkundler zum Symposium über Ratio und Plausibilität in der Naturheilkunde ein

Am 8. Dezember 2001 hatte Frau Prof. Uhlemann vom Institut für Physiotherapie zum 3. Symposium über Ratio und Plausibilität in der Naturheilkunde eingeladen. Die Veranstaltung hat sich inzwischen zu einem wichtigen wissenschaftlichen Treffpunkt von "Schulmedizinern" und Vertretern der klassischen Naturheilverfahren entwickelt. "Erklärungsmodelle zum Fibromyalgiesyndrom aus ,schulmedizinischer' sowie naturheilkundlicher Sicht" hieß das Thema der diesjährigen Veranstaltung. Durchaus ein "heißes Eisen" wie im Gespräch mit der wissenschaftlichen Leiterin, Prof. Dr. Christine Uhlemann, deutlich wurde.

Was verbirgt sich hinter der Diagnose Fibromyalgie?

Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) ist keine Diagnose im eigentlichen Sinne, sondern ein "Phänotyp" - ein Merkmals- oder Erscheinungsbild-, der vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass die Patienten über generalisierte muskulo-skelettale Schmerzen klagen. "Pain-allover-patients" sagt man im Englischen, wo man im Zusammenhang mit FMS auch von Seelenrheumatismus spricht. Hinzu kommen so genannte autonome Dysregulationsphänomene, das heißt, alle vegetativen Funktionen - bspw. atmen, schlafen, verdauen aber auch die Herz-Kreislauffunktionen können gestört sein. FMS-Patienten haben daher zumeist neben den o.g. generalisierten Schmerzen einen Reizdarm, Katarrhe, Herz-Rhythmusstörungen, gestörte Temperaturempfindungen, Schlafstörungen u.ä. Hinzu kommen kognitive Defizite, also Konzentrationsprobleme und Gedächtnisschwächen, des Weiteren depressive Verstimmungen, eine morgendliche Steifheit und Weichteilschwellungen vor allem der Hände und der Füße. Sie sind psychisch und physisch leicht erschöpfbar. Diese Symptome sind nicht an jedem Tag gleich stark ausgeprägt, aber immer vorhanden.

Ist es für den Hausarzt oder den Internisten nicht außerordentlich schwierig, FMS zu erkennen?
Zweifellos. Beim FMS handelt es sich um eine chronische Befindlichkeitsstörung. Gestört sind ausschließlich Körperfunktionen, organische Bezugspunkte lassen sich nicht nachweisen. Das heißt im Klartext: Der Arzt "findet" nichts, weder morphologisch noch in den so genannten Blutwerten. Und da viele Kollegen über dieses Krankheitsbild nicht ausreichend informiert sind, werden die FMS-Patienten von einem Arzt zum anderen geschickt und irgendwann als Simulanten oder "Rentenjäger" abgestempelt. Sie haben im Durchschnitt eine Odyssee von sieben Jahren hinter sich, ehe sie auf einen Arzt treffen, der sie bezüglich eines Fibromyalgiesyndroms behandelt. Das heißt für uns: Wir müssen unsere Kollegen besser informieren. Und dies war Sinn und Zweck des Symposiums.

Wie kann man zwischen FMS und Krankheiten mit ähnlichen Symptomen unterscheiden?
Grundsätzlich müssen zunächst organisch und psychisch fassbare Leiden wie z.B. entzündlicher Rheumatismus, Kollagenosen, psychiatrische Leiden oder endokrinologische Störungen ausgeschlossen werden. Nur über diesen "Umweg" ist es möglich, FMS-Patienten zu erkennen und adäquat zu behandeln. Das Fibromyalgiesyndrom ist ein noch relativ neues Krankheitsbild - besser ausgedrückt: es gehört zur Entität "chronischer Befindlichkeitsstörungen" - und wurde, obwohl die Chinesen ähnliches bereits im 12. Jh. beobachteten, vor etwa 30 Jahren erstmals in den USA beschrieben. Ich führe die systematische Betreuung der Patienten seit Anfang der 90er Jahre durch. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Rheumatologen, Orthopäden und Psychotherapeuten ist dabei unabdingbar.

Wer ist vom FMS vor allem betroffen?
85 bis 90% der Betroffenen sind Frauen - zumeist zwischen dem 35. und 70. Lebensjahr mit einer ganz bestimmten psychischen Konstellation: nicht etwa wehleidig, sondern dynamisch und im Haushalt oder Beruf engagiert, aber seelisch verletzt. Viele von ihnen wurden sexuell oder körperlich missbraucht, am Arbeitsplatz gemobbt oder durch den Ehemann drangsaliert. FMS ist übrigens keine Krankheit einiger weniger. Allein in Deutschland gibt es zwischen 1,5 und 2,5 Millionen FMS-Patienten. Dementsprechend hoch sind auch die jährlichen Kosten, die sich im Milliardenbereich bewegen, vor allem, weil die Patienten oft falsch behandelt und immer wieder operiert werden ohne dass sich ihr Zustand verbessert.

Welche therapeutischen Konzepte gibt es?
Das Fibromyalgiesyndrom gehört nach wie vor zu den großen Rätseln der Medizin. Es gibt weder Heilung noch ein "Wundermittel", es ist aber möglich, den Patienten mit einer Kombination aus Medikation (vor allem Antidepressiva), Psychotherapie und Physiotherapie in Verbindung mit naturheilkundlichen Verfahren wie Bindegewebsmassage, Neuraltherapie, Akupunktur, Güssen, Infrarot- oder Kältekammerbehandlung, Lymphdrainage und Konditionierung zu helfen. Es handelt sich dabei stets um milde Reize. Klassische Massagen sind nicht zu empfehlen, weil dabei "Schmerzen" reaktiviert werden können. Dies aber würde dem Patienten eher schaden. Die Behandlungen erfolgen übrigens nicht permanent, sondern in protrahierten - also lang andauernden - Serien. Sie lindern die Schmerzen zeitweilig, das heißt in der Zeit der Anwendung und in den folgenden ein oder zwei Monaten. Völlig beschwerdefrei sind diese Patienten aber nie. Auf dem Symposium gab es zu all diesen Fragen sehr interessante Diskussionen, wobei der Darm eine zentrale Rolle spielte.

Der Darm?
Ja, entwicklungsgeschichtlich gesehen ist der Darm so etwas wie unser zweites Gehirn bzw. das "Gemütsbett" unseres Gehirns. Denken Sie bspw. an Reaktionen im Magen-Darm-Trakt bei Angst- aber auch Glückszuständen. Zudem ist er wegen der Mucosabarriere seiner Schleimhaut ein ganz wichtiger Faktor unseres Immunsystems. Auf diese Zusammenhänge haben Prof. Sprotte (Würzburg) und Prof. Schaible (Jena) hingewiesen. Letztgenannter hat über neurophysiologische Aspekte chronischer Befindlichkeitsstörungen gesprochen und dabei dem Darm, das heißt der Vagusafferenz, ebenfalls eine zentrale Rolle zugewiesen, weil dort viele Befindlichkeitsstörungen generiert werden können. So gesehen, handelt es sich beim FMS vielleicht um eine somato-psychische Erkrankung. Auf diesem Gebiet müssen wir künftig weiter zusammenarbeiten. Diskutiert wurde aber auch über die Rolle von Ernährung und Bewegung beim FMS sowie über Möglichkeiten einer aktiven Schmerzbewältigung.

Waren Sie mit der Beteiligung und dem Verlauf des Symposiums zufrieden?
Ja. Immerhin konnten wir zu den Vorträgen ca. 150 Ärzte und Physiotherapeuten aber auch 50 Patienten aus ganz Deutschland begrüßen. Zudem haben am Patientenseminar insgesamt etwa 80 Patienten teilgenommen. Die Veranstaltung ist eine der wenigen in Deutschland, wo sich "Schulmediziner" und Vertreter der klassischen Naturheilverfahren zusammensetzen und gleichberechtigt über Lösungsansätze bei schwierigen medizinischen Fragen diskutieren. Sie hat erneut gezeigt, dass sich Hochschulmedizin und klassische Naturheilverfahren keineswegs wie Feuer und Wasser verhalten, sondern sich gegenseitig ergänzen, wenn auf beiden Seiten der Wille vorhanden ist, miteinander zu reden und zu arbeiten. Und das ist hier in Jena der Fall. Dies hat auch der Ärztliche Direktor, Prof. Seewald, auf dem Symposium ausdrücklich betont.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.
(Die Fragen stellte Dr. Matthias Vöckler)

Zurück zum Seitenanfang

Zurück zum Hauptmenü

Zur Titelseite