KM-Titelstory:     Fachbibliothek Klinische Medizin eröffnet
Neue Patientenbibliothek

Eröffnung Fachbibliothek Klinische Medizin
Eröffnung Fachbibliothek Klinische Medizin; Fotos: Schröder

"Immer der Rose nach"

"Sie gehen geradeaus und biegen kurz vor der Cafeteria rechts ab, am besten gehen sie immer der ,Rose´ nach, da können Sie die Bibliothek gar nicht verfehlen", rät mir eine freundliche Mitarbeiterin am Eingang der Magistrale des Klinikumsneubaus. Keine zwei Minuten später stehe ich in der neuen ThULB-Teilbibliothek für Klinische Medizin, die am 5. November 2003 an die Nutzer übergeben wurde.

"381 Meter Monografien und 687 Meter Zeitschriften befinden sich derzeit im Freihandbereich. Das sind immerhin rund 37.000 Bände", erläutert Sylvia Godau, deren neuer Arbeitsplatz die Bibliothek in Lobeda ist. Dennoch ist in vielen Regalen noch Platz. "Das wird sich ändern, wenn die Kliniken nach Lobeda umgezogen sind und deren Bücher und Zeitschriften die Bestände vervollständigen." Was der Nutzer in der auch optisch ansprechend eingerichteten Bibliothek vergeblich sucht, ist der "klassische" Katalog mit seinen abertausenden Karteikarten. "Der gesamte Bestand der klinischen Fächer wird elektronisch erfasst und kann", so Ute Troitzsch, Fachreferentin für Medizin, "von den OPAC-Plätzen - Online Public Access Catalogue - über Monitor ermittelt werden", womit das Zeit raubende und mitunter recht mühsame Suchen in der Kartei entfällt. Analog zum Bibliothekshauptgebäude im Stadtzentrum ist auch die Bibliothek in Lobeda vollständig "vernetzt". Auch knapp die Hälfte der 50 Nutzerarbeitsplätze ist mit Computer-Monitoren ausgestattet. Nur an den Fensterplätzen fehlen diese. "Hier haben die Studenten und Mitarbeiter die Möglichkeit, in Ruhe zu lesen, aber selbstverständlich kann man auch hier den eigenen Laptop anschließen", erläutert Ute Troitzsch.
Eine Treppe tiefer, im unteren Teil der zweietagigen Bibliothek, befinden sich das Magazin und die Zeitschriftenabteilung, wo zwischen den Regalen mehrere runde Tische mit je sechs Stühlen stehen, Gruppenarbeitsplätze, an denen sogar miteinander geredet werden darf ohne dass sofort das gefürchtete "Pst!" vom Aufsichtspersonal oder genervten Lesern auf die "Übeltäter" herabzischt. "Aber natürlich", so Ute Troitzsch, "muss sich auch hier die Lautstärke im Rahmen halten." Vervollständigt wird die untere Etage durch ein halbes Dutzend verschließbarer Kabinen mit Tisch und PC-Anschluss: "Carrels", die stunden- bzw. tageweise zum besonders konzentrierten Arbeiten gemietet werden können.
"Wir sind wirklich sehr froh, dass es endlich gelungen ist, die Bibliothekssituation für die klinische Medizin zu verbessern" zeigt sich auch ThULB-Direktorin Dr. Sabine Wefers zufrieden. Die 1000 qm große Fachbibliothek, die werktags von 9 bis 18 Uhr geöffnet ist, wird nach dem Umzug aller Kliniken nach Lobeda einmal über rund 120.000 Bände verfügen. Das entspricht etwa der Hälfte des Literatur-Bestandes in den medizinischen Teil- und Zweigbibliotheken der ThULB. Weiterhin werden in der neuen Fachbibliothek in Lobeda multimediale Einheiten, Datenbanken, E-Journals und andere Medien bereitgestellt.

Gemeinsame Bibliothek für Naturwissenschaften und vorklinische Medizin?

Ungelöst bleiben allerdings die Probleme der vorklinischen Fächer. Auch künftig werden in diesem Bereich 10 kleine und kleinste Bibliotheken existieren. Trotz guter Ansätze in den vergangenen Jahren ist die Situation in den naturwissenschaftlichen Fächern nicht viel besser. Auch deren Studenten und Wissenschaftler können von den Arbeitsmöglichkeiten der Geistes-, Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, die in den letzten Jahren neue, hochmoderne Bibliotheksgebäude beziehen konnten, nur träumen, was um so unbefriedigender ist, als es sich bei den betreffenden Fachrichtungen nicht um "Orchideenfächer", sondern um zentrale Disziplinen, tragende Säulen der Universität, handelt. Das hat der Senat auch so gesehen. In seiner Bibliothekskonzeption sind Teilbibliotheken für Naturwissenschaften und Medizin eingeplant.
Optimal, davon sind die Bibliotheksverantwortlichen überzeugt, wäre die Schaffung einer gemeinsamen Bibliothek für die naturwissenschaftlichen (ca. 600.000 Bände) und die vorklinischen Fächer (ca. 110.000 Bände). "Auch wenn eine konkrete Umsetzung derzeit noch in den Sternen steht, wäre dies angesichts der zahlreichen fachlichen Bezüge eine ideale Lösung und ein hervorragendes Angebot für Studierende und Wissenschaftler", zeigt sich Dr. Wefers überzeugt. Nach dem Umzug der Kliniken des zweiten Bauabschnittes könnte die Bibliothek in einem der dann leer stehenden Gebäude eingerichtet werden. "Doch auf deren Fertigstellung müssen wir sicher noch einige Jahre warten. Daher", so der stellvertretende ThULB-Direktor Rainer Herzog, "wäre es denkbar, nach dem Auszug der Kliniken des ersten Bauabschnittes die im Stadtzentrum noch verbleibenden medizinischen Zweigbibliotheken zunächst in einem freien Gebäude in der Bachstraße zusammenzuführen. Das wäre zwar nur eine Übergangslösung, sie hätte aber den Vorteil, dass wir den Studierenden und Wissenschaftlern bereits in zwei bis drei Jahren ordentliche Arbeitsmöglichkeiten bieten könnten." Ein bibliotheksfremdes Gebäude in ein "Bücherhaus" zu verwandeln, wäre für Jena kein Novum. 1858 wurde anlässlich der 300-Jahr-Feier der Universität der Kornspeicher der Stadt zum ersten Bibliotheksgebäude der Universität Jena umgebaut, weiß Rainer Herzog zu berichten. Schließlich, und das ist gerade in einer Zeit knappen Geldes und leerer öffentlicher Kassen ein wichtiges Argument, wäre eine solche Bibliothek auch betriebswirtschaftlich von Vorteil, weil viele allgemeine Titel - angefangen beim Brockhaus und diversen medizinischen und naturwissenschaftlichen Lexika - nicht doppelt vorgehalten werden müssten, die Investitionen in die teure technische Ausstattung aber auch der Personaleinsatz und die Betriebskosten wesentlich günstiger gestaltet werden könnten. Zudem haben Nutzeranalysen des ThULB-Neubaus am Fürstengraben gezeigt, dass eine große, moderne Bibliothek wesentlich besser angenommen wird als kleine "Wohnzimmer-Bibliotheken", und zwar vom Studenten bis zum Professor. Sabine Wefers: "Das liegt zum einen an der weitaus besseren technischen Ausstattung sowie der großen Auswahl an Freihandbeständen auch aus den Nachbardisziplinen und zum anderen an der Möglichkeit, sich in der Bibliothek zu treffen und im Team zu arbeiten. Das ist ein immer wichtiger werdender Aspekt des akademischen Lebens, der in den kleinen Lesesälen, die oft nur zum Kopieren von Literatur genutzt werden, leider völlig verloren geht. Es ist nämlich ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass in unserer heutigen Zeit ausschließlich Individualisten leben. Im Gegenteil: Das Bedürfnis nach persönlicher wissenschaftlicher Kommunikation war noch nie so groß wie im ,Internet-Zeitalter´".

Stabilisierung des Zeitschriftenangebotes

Unverändert schwierig stellt sich das Problem der Anschaffung medizinischer Fachliteratur dar: "Wir standen in diesem Jahr erneut vor der Frage, möglicherweise weitere Fachzeitschriften abbestellen zu müssen. Momentan sieht es aber so aus, als würden wir mit einem finanziellen Zuschuss den gegenwärtigen Stand halten können. Diese Stabilisierung konnten wir nur erreichen, weil wir in stärkerem Maße auf elektronische Zeitschriften umgestellt haben und hier relativ große Medienpakete zu guten Konditionen ordern konnten. Wir haben damit eine aus wirtschaftlicher Sicht höchstmögliche Effizienz erreicht. Die Stabilisierung ist aber nur auf das laufende Jahr bezogen, bereits im kommenden Jahr stehen wir - angesichts der Unsicherheit der Zuweisungen und der Preiserhöhungen durch die Verlage - erneut vor demselben Problem. Ohne das Ausweichen auf die elektronischen Ausgaben wären die Zeitschriften schon längst nicht mehr zu halten", erläutert Sabine Wefers und gibt zu bedenken: "Natürlich sind der Bau, die Ausstattung und die Unterhaltung moderner Universitätsbibliotheken teuer, doch dabei handelt es sich um dringend erforderliche Zukunftsinvestitionen, denn gerade in der Wissensgesellschaft sind moderne, technisch optimal ausgestattete Bibliotheken ganz entscheidende Standortfaktoren. Sie gehören zum akademischen Leben Jenas wie die reiche Wissenschaftslandschaft, die universitäre Tradition und nicht zuletzt auch die schöne Umgebung der Stadt." mv Zurück zum Seitenanfang


Bibliothekarin Ortrud Biermann
Kann stets ein gutes Buch empfehlen: Bibliothekarin Ortrud Biermann
Foto: Scheere

Stöbern erwünscht

Patientenbibliothek im Klinikumsneubau öffnet Ende November

Eine Etage höher, im 1. Stock der Magistrale, befindet sich die neue Patientenbibliothek. Ortrud Biermann blättert in einer der Neuerwerbungen, den "Preußischen Königinnen" von Karin Feuerstein-Praßer. Auch den "Ramses" von Christian Jacq, das Afghanistan-Buch von Jürgen Todtenhöfer oder den autobiografischen Stefan-Heym-Band kann Frau Biermann empfehlen. Die gelernte Buchhändlerin und Bibliothekarin betreut seit 1969 Patientenbibliotheken am Klinikum. Mit Leib und Seele. Gemeinsam mit Gudrun Türk, mit der sich Frau Biermann die Patientenbibliotheken der Kliniken "teilt", ist sie auch für die Auswahl der Literatur zuständig. "Es ist wirklich schön, dass ich ,meinen´ Buchbestand in den vielen Jahren selbst aufbauen konnte. Aber damit bin ich natürlich auch für dessen inhaltliche Qualität verantwortlich. Doch ich denke, auch die kann sich sehen lassen." Alles in allem können die Patienten unter knapp 10.000 Titeln wählen, von denen sich etwa ein Drittel im Klinikumsneubau befindet.
Mit der Nutzung der Bibliothek durch die Patienten ist Frau Biermann alles in allem zufrieden. Doch die Leser kommen nicht nur zum Buch, die Bücher kommen auch zu den Lesern. Vormittags besucht die Bibliothekarin mit ihrem Bücherwagen, vollgepackt mit Literatur aller Genres, die bettlägerigen Patienten auf Station. "Ich gehe da wirklich von Bett zu Bett. Wer lesen möchte, kann sich etwas aussuchen, man kann aber auch Bücher bestellen, die ich am nächsten Tag mitbringe." Und was wird gelesen? "Besonders hoch stehen Krimis, Reisebeschreibungen, ,Frauenliteratur´ und natürlich Bestseller aller Art im Kurs, ,leichte Kost´ eben. Es gibt aber auch viele sehr wählerische Leser, die lange suchen, ehe sie sich entscheiden oder fragen, welche(n) Titel ich empfehlen würde."
Wer sich Zeit nehmen und stöbern will, ist in der Patientenbibliothek willkommen und hat an einem kleinen Tisch Gelegenheit, die ausgewählten Bücher schon einmal "anzulesen". Die neue Bibliothek ist ab Ende November werktags zwischen 13.00 und 15.30 geöffnet. "Aber auch wenn jemand mal fünf Minuten zu spät kommt, lasse ich ihn nicht vor der Tür stehen", verspricht Ortrud Biermann. mv Zurück zum Seitenanfang

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