Titelstory:    Gefährlicher "blauer Dunst"
Nichtraucher-Aktion "Be smart - Don't start"

"Alle zehn Meter ein Toter"

Zahl der Lungenkrebstoten könnte weltweit dramatisch ansteigen

Bob, ich habe Krebs.

Marlboro-Cowboys: Bob, ich habe Krebs.

Es ist eine Binsenweisheit und steht seit Jahren auf jeder Zigarettenschachtel: Rauchen gefährdet die Gesundheit! Trotzdem werden pro Jahr weltweit etwa 5 Billionen Zigaretten geraucht, davon allein ca. 150 Milliarden in Deutschland. Dafür geben die Deutschen viel Geld aus: laut Statistischem Bundesamt soviel wie für Medikamente, rund 40 Mrd. DM pro Jahr. Tendenz steigend. Allein im dritten Quartal 1999 erhöhten sich die Ausgaben für Tabakwaren im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresquartal um 7,7%. Die Zahl der gerauchten Zigaretten (sie machen mehr als 90% der Tabakerzeugnisse aus) stieg sogar um 8,1% auf 38 Mrd. Stück. Beträfe diese Steigerung das Bruttosozialprodukt, würden die Statistiker von "Traumquoten" sprechen. Bezogen auf den Tabakkonsum und dessen gesundheitliche Folgen ist der Begriff Albtraum angebrachter. Wir sprachen mit Prof. Dr. Klaus Höffken, Direktor der Klinik für Innere Medizin II und Vizepräsident der Deutschen Krebsgesellschaft, über die Konsequenzen dieser Entwicklung.

Prof. Dr. Klaus Höffken

Prof. Höffken: Gefahren des Rauchens verdeutlichen und Nichtrauchen positiv belegen

Die deutliche Steigerung des Zigarettenkonsums kommt nicht von ungefähr. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich vor allem der Zuwachs an jugendlichen Tabakkonsumenten in den letzten Jahren deutlich erhöht hat. Das Einstiegsalter sinkt, die Kinder beginnen immer früher zu rauchen. "Aber auch die Gesamtzahl der Raucher hat nach Jahren eines leichten Rückganges wieder zugenommen. Aktuelle Zahlen belegen, dass vor allem bei den 18- bis 25-Jährigen die Zahl der Raucher deutlich angestiegen ist: 44% der jungen Frauen und 49% der jungen Männer greifen in dieser Altersgruppe zur Zigarette. Diese Entwicklung hat dramatische Konsequenzen und bedeutet, dass wir auf eine neue Welle tabakbedingter Erkrankungen, also vor allem Lungenkrebs, zusteuern. Mit einer Verzögerung von etwa zehn Jahren werden wir sehen, dass die zuletzt weltweit sinkende Zahl der Lungenkrebstoten wieder ansteigen wird", meint Prof. Höffken. Vor allem bei Frauen könnte dies in den nächsten Jahrzehnten epidemische Ausmaße erreichen. Dabei ist die Situation bereits heute mehr als Besorgnis erregend. In Deutschland gibt es jährlich etwa 100.000 Tabaktote. Das entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl Jenas. Oder anders ausgedrückt: "Wenn Sie auf der Autobahn von Flensburg nach München fahren, würden Sie alle 10 Meter an einem Tabaktoten vorbeikommen."

Nikotin macht süchtig

Obwohl Tabakwerbung in Radio und Fernsehen in Deutschland bereits seit langem verboten ist, begegnet sie uns im täglichen Leben auf Schritt und Tritt: Riesige, im Stadtbild unübersehbare Plakatwände, ganzseitige Anzeigen in Illustrierten und aufwändig gestaltete Internetpräsentationen. "Die Tabakindustrie wirbt mit einem Milliardenbudget und sehr subtilen Mitteln.
Aschenbecher

Die Aschenbecher werden wieder voller. Kein neues Phänomen. Bereits Goethe klagte 1828, dass "25 Millionen Taler in Deutschland in Tabakrauch auf(gehen), die Summe kann auf 40, 50, 60 Millionen ansteigen..." Foto: Schröder

Und sie spricht vor allem die Zielgruppe an, die wir am Raucheinstieg hindern wollen, die Jugendlichen, die für Begriffe wie Freiheit und Unabhängigkeit besonders empfänglich sind", erläutert Prof. Höffken. Aber auch die Zigarettenwerbung im Motorsport, und hier vor allem in der Formel 1, trägt in hohem Maße mit dazu bei, Jugendliche zum Raucheinstieg zu verführen. Ein imaginäres "neues Lebensgefühl" aus "Freiheit und Abenteuer" wird suggeriert. Die Realität sieht anders aus: "Wir haben von der amerikanischen Krebsgesellschaft ein Poster erhalten, auf dem die beiden Marlboro-Cowboys zu sehen sind. Die Aufschrift lautet: ,Bob, I've got cancer'. Einer der beiden ist tatsächlich an Lungenkrebs verstorben." Das ist die Kehrseite der Medaille. "Leider können wir", bedauert Prof. Höffken, von solchen Werbebudgets wie die Tabakindustrie nur träumen. Uns bleibt vor allem unsere Überzeugungskraft. Dabei müssen wir den Jugendlichen immer wieder klarmachen, dass der Einstieg gefährlich ist, weil Nikotin süchtig macht, ein Fakt den die Tabakkonzerne wider besseres Wissen lange Zeit geleugnet haben." Einmal dem "Glimmstängel" verfallen, ist es nicht leicht, von diesem wieder wegzukommen. Das bekannte Bonmot: Es ist nichts leichter, als sich das Rauchen abzugewöhnen. Ich habe es schon 50 mal geschafft, beschreibt das Problem durchaus treffend, denn die Rückfallquote liegt bei annähernd 90%. Daher ist es am sinnvollsten, mit dem Rauchen gar nicht erst zu beginnen, denn "wer nicht anfängt, muss nicht aufhören."

"Leicht" ist nicht gesünder

Auch die Hoffnung, durch den Umstieg auf "leichte" Zigaretten das Gesundheitsrisiko zu vermindern, ist trügerisch, denn "Leichtraucher" leben nicht weniger gefährlich als andere. "Die Werbung mit ,leichten' Zigaretten ist irreführend. Das weiß die Tabakindustrie ganz genau, denn beim Umstieg von ,normal' auf ,leicht' erhöht sich automatisch die Zahl der gerauchten Zigaretten, da der Raucher seinen Nikotinspiegel erreichen muss." Leichte Zigaretten verringern also keineswegs das Risiko, an Lungenkrebs oder Herz- Kreislaufkrankheiten zu erkranken. Das Gegenteil ist der Fall. "Da der Leichtrauch tiefer inhaliert wird, werden noch mehr Schadstoffe aufgenommen." Besser als der "Umstieg" ist der "Ausstieg". Auch für "gestandene" Raucher ist es sinnvoll, aufzuhören, denn etwa 10 Jahre nach Beendigung des Rauchens hat man wieder dasselbe Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken wie ein Nichtraucher und eine bereits bestehende chronisch-obstruktive Bronchitis wird sich zumindest nicht weiter verschlimmern. Der Kampf gegen das Rauchen ist ein gesundheitspolitisches Problem ersten Ranges, denn es ist nicht nur der Risikofaktor Nummer Eins für Lungenkrebs, sondern Ursache von rund 30% der Krebs- und vieler Herz-Kreislauferkrankungen. Der Nikotinkonsum ist, wie die "Deutsche Krebshilfe" unlängst feststellte, auch für die Entstehung von Bauchspeicheldrüsen-, Blasen-, Nieren-, Brust- und Gebärmutterkrebs mit verantwortlich. In Kombination mit Alkohol erhöht sich zudem die Gefahr, an Mund-, Rachen- oder Kehlkopfkrebs zu erkranken. Aber nicht nur die Raucher sind gesundheitsgefährdet. "Tabakrauch ist das häufigste und gefährlichste Schadstoffgemisch", stellte die 3. Deutsche Nikotinkonferenz im Mai 2000 in Erfurt fest und forderte die Abgeordneten des Deutschen Bundestages auf, den Nichtraucherschutz zu verbessern.

Politik muss endlich Impulse geben

Die Politik, die auf andere Krankheiten mit großen Kampagnen aufmerksam macht, bleibt beim Kampf gegen das Rauchen mehrheitlich relativ untätig. "Wir vermissen", so Prof. Höffken, "seit Jahren eine adäquate Reaktion der Politik auf dieses Problem." Stattdessen werden fadenscheinige Argumente angeführt: Die Beendigung der Tabakwerbung in den Printmedien würde Arbeitsplätze in den Redaktionsstuben, in Verlagen und in der Werbebranche kosten. "Das überzeugt mich absolut nicht. Genauso gut könnte dort gegen den ,blauen Dunst' geworben werden. Da hätten die PR-Leute genug zu tun und obendrein eine echte Herausforderung." Schließlich sei es absolut unverständlich, warum die EU tausendmal mehr für die Subventionierung des Tabakanbaus ausgibt als für die Forschung auf dem Gebiet tabakbedingter Krebskrankheiten. Und in Deutschland? "Etwas Schlimmeres als das jüngst auf deutschen Antrag wieder aufgehobene Werbeverbot für Tabakwaren durch den Europäischen Gerichtshof und ein in der Öffentlichkeit genüsslich Zigarre rauchender Bundeskanzler kann uns nicht passieren." Wäre, wenn alle Appelle nicht helfen, die amerikanische Variante der "Nikotinentwöhnung", die das Rauchen gesellschaftlich geächtet und aus weiten Bereichen des öffentlichen Lebens verbannt hat, eine Alternative? "Ich bin gegen solche Verbote. Man kann die Menschen nicht zwingen, das Rauchen aufzugeben. Das führt nach anfänglichen Erfolgen oft zu Ausweichbewegungen oder Gegenreaktionen wie die neu entstandenen amerikanischen ,Zigarrenclubs' zeigen, die bereits wieder als ,schick' gelten. Wir müssen einen anderen Weg gehen und das Nichtrauchen positiv belegen. Hierbei könnten uns Sportler, Künstler, Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der Tat sehr helfen." Nicht auszudenken, wenn der frischgebackene Formel-1-Weltmeister in der kommenden Saison statt Zigarettenwerbung einen Nichtraucherslogan am Heckflügel seines roten Renners hätte ... Weitaus realistischer sind Überlegungen im Zusammenhang mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. "Wir werden in den nächsten 5 bis 10 Jahren in der Lage sein, auf Grund der genetischen Prägung individuelle Risikokonstellationen auch in Bezug auf das Rauchen festzulegen. Dann können wir dem Betreffenden klipp und klar sagen: Wenn Sie weiter rauchen, werden Sie mit 100%iger Sicherheit an Lungenkrebs erkranken." Spätestens dann werden vermutlich auch die eingefleischtesten Raucher ins Grübeln kommen. mv

Zurück zum Seitenanfang


Nichtraucher-Aktion "Be smart - Don't start"

Echte Alternativen aufzeigen

"Be smart - Don't start"

Nichtraucher-Aktion "Be smart - Don't start"

Herr Prof. Höffken, was verbirgt sich hinter der Aktion "Be smart - Don't start"
"Be smart - Don't start" ist eine europäische Aktion, um Kinder und Jugendliche vom Rauchen abzuhalten, denn gerade in diesem Alter sind die Schädigungen besonders nachhaltig und die Gefahr, zum abhängigen Raucher zu werden, sehr groß. Wir wollen dabei vor allem die 11- bis 13- Jährigen, die wichtigste Risikogruppen für den Einstieg in eine spätere "Raucherkarriere", ansprechen. "Be smart - Don't start" wurde bereits vor einigen Jahren ins Leben gerufen und steht unter Leitung des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung Kiel. Die Thüringische Krebsgesellschaft ist die erste Landeskrebsgesellschaft, die sich hier mit engagiert hat. Im letzten Jahr haben sich an dieser Aktion 20 Thüringer Schulklassen beteiligt.

Wie geht das vonstatten?
Die Klassen unterschreiben einen Vertrag, der besagt, dass mindestens 90% der Schüler ein halbes Jahr lang nicht rauchen werden. Dies wird monatlich in einem Kontrollblatt festgehalten. All dies geschieht natürlich freiwillig, wir sind schließlich keine "Raucherpolizei". Dem Sieger winkt eine Klassenfahrt in eine europäische Hauptstadt. Im letzten Jahr gewann eine dänische Klasse eine Reise nach Athen. Von den 20 gestarteten Thüringer Klassen haben immerhin 12 "durchgehalten". Unter diesen wurden von der Thüringischen Krebsgesellschaft und dem Sparkassenverband Thüringen drei Geldpreise verlost, mit denen die Klassenkassen aufgebessert werden konnten. In diesem Jahr werden sich an "Be smart - Don't start" 184 Thüringer Klassen beteiligen. Damit sind wir in Deutschland Spitzenreiter. Dies zu koordinieren, übersteigt allerdings unsere Möglichkeiten. Wir sind daher sehr froh, dass wir vom Thüringer Kultus- und Gesundheitsministerium sowie von der Koordinierungsstelle Suchtprävention unterstützt werden. Wir wissen natürlich, dass wir auf diese Art und Weise nicht aus allen Schülern Nichtraucher machen werden. Es ist aber ein hoffnungsvoller Anfang und weitere Klassen werden folgen.

Gibt es noch andere Initiativen gegen das Rauchen an Thüringer Schulen?
Ja. Die Thüringische Krebsgesellschaft hat bereits am 31. Mai 1999, dem Weltnichtrauchertag, eine Aktion unter dem Titel "Ich lasse mir doch keinen blauen Dunst vormachen", gestartet und die Thüringer Schülerinnen und Schüler aufgerufen, sich mit diesem Thema kreativ auseinanderzusetzen. Wir haben daraufhin 400 Einsendungen erhalten, Poster, Comics, Kurzgeschichten, Videos und diese im Rahmen der Woche "Europa gegen den Krebs" im Oktober letzten Jahres im Jenaer Angergymnasium und in diesem Jahr im Thüringer Landtag ausgestellt. Die gelungensten Arbeiten wurden prämiert. Gleichzeitig haben wir dazu aufgerufen, sich bei der Thüringischen Krebsgesellschaft um das Zertifikat "Rauchfreie Schule" zu bewerben. Dafür sind bestimmte Kriterien zu erfüllen. Es darf z.B. an der Schule keine Raucherecke geben. Außerdem dürfen auch die Lehrer in der Schule und im Rahmen von Schulveranstaltungen nicht rauchen. Die erste Thüringer Schule, die dieses Zertifikat erhalten hat, ist das Christliche Gymnasium Jena.

Warum ist es trotz aller Bemühungen so schwer, in die Phalanx der jungen Raucher einzubrechen und nachhaltige Erfolge zu erzielen?
Unser Bemühen gleicht nicht selten einem Kampf gegen Windmühlenflügel. Rauchen gilt als Zeichen des Erwachsenwerdens bzw. der Emanzipation. Das sind psychologische Momente, die man nicht unterschätzen darf. Deshalb wollen wir ja auch, dass die Raucherecken in den Schulen verschwinden, denn dort stehen die "Großen" und rauchen und die "Kleinen", die dazu gehören wollen, beginnen damit ebenfalls. Allerdings bringt es uns überhaupt nicht weiter, wenn wir die Jugendlichen vor den Kopf stoßen und nur sagen: Rauchen ist "out". Wir müssen auch Alternativen aufzeigen, deutlich machen, was "in" ist. Anders schaffen wir das nicht.

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
(Die Fragen stellte Dr. Matthias Vöckler)

Zurück zum Seitenanfang

Zurück zum Hauptmenü

Zur Titelseite