KM-Interview  
KM-Interview:     Ein ganz besondrer Saft?
Symposium "Eugenik und die Zukunft"

Stutenmilch
Alles nur Legende oder wirklich "ein ganz besondrer Saft"? Jenaer Ernährungswissenschaftler und Mediziner wollen die "Geheimnisse" der Stutenmilch ergründen; Fotos: Martin Vöckler

Ein ganz besondrer Saft?

Ernährungswissenschaftler und Mediziner engagieren sich für barrierefreien Tourismus und wollen das "Geheimnis" der Stutenmilch ergründen

Auch in diesem Sommer haben Millionen Deutsche die Koffer gepackt, um irgendwo zwischen Saßnitz und Berchtesgaden, Stockholm und Kapstadt die schönste Zeit des Jahres zu verbringen. Doch nicht für alle ist der Urlaub eine unbeschwerte Zeit. Für viele wird er zu einem unfreiwilligen Abenteuer, selbst wenn der Urlaubsort "gleich um die Ecke", im Thüringer Wald, liegt. Denn nach wie vor sind die meisten Reiseziele auf Menschen mit Handicap nicht oder nur unzureichend vorbereitet. In der Region um Ohrdruf soll in den kommenden Jahren eine Modellregion zum barrierefreien Tourismus entstehen, ein Projekt, an dem sich, gefördert durch das BMBF, auch Jenaer Wissenschaftler beteiligen. KLINIKMAGAZIN sprach mit PD Dr. Rainer Schubert (Institut für Ernährungswissenschaften) und fragte zunächst:

Was hat "Barrierefreiheit" eigentlich mit Ernährung zu tun?

Sehr viel. Natürlich denkt man bei Menschen mit Handicap vor allem an Geh- und Sehbehinderte. Aber was ist mit einem Stoffwechsel-Handicap? Davon sind viel mehr betroffen, als man landläufig vermutet. Denn auch Menschen mit gastroenterologischen Erkrankungen, mit Herzkrankheiten, mit Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, mit Allergien und vielen anderen chronischen Beschwerden haben oft große Bedenken, auf Reisen zu gehen, da sie fürchten, am Urlaubsort nicht die Nahrungsmittel zu erhalten, die sie benötigen bzw. vertragen. Wir wollen diesen Patienten helfen und in verschiedenen wissenschaftlichen Studien untersuchen, wie Nahrungsmittel beschaffen sein müssen, damit sie von Menschen mit Stoffwechsel-Handicap problemlos verzehrt und zudem therapiebegleitend eingesetzt werden können. Außerdem wollen wir in enger Zusammenarbeit mit Sportmedizinern und Psychologen Ernährungs- und Bewegungskurse für verschiedene Patientengruppen anbieten.

Urlaub
Ob an der See oder im Gebirge: Auf Urlauber mit Stoffwechsel-Handicap sind die meisten Veranstalter nicht vorbereitet

Worum geht es dabei konkret?
Wir entwickeln derzeit auf der Basis von Phytosterolen einen Brotaufstrich für Patienten mit koronarer Herzkrankheit, der nicht nur bekömmlich ist, sondern auch zur Verbesserung der Blutwerte beiträgt. Ein zweiter Schwerpunkt, mit dem wir uns aus ernährungswissenschaftlicher Sicht in der nächsten Zeit sehr intensiv beschäftigen werden, sind Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Dabei wollen wir vor allem entzündungshemmende Fettsäuren testen, die in verschiedene Grundnahrungsmittel "eingebaut" werden und mithelfen sollen, die Entzündungen einzudämmen, das Allgemeinbefinden der Rheumatiker zu verbessern und möglicherweise auch den Medikamentenverbrauch zu senken.

Wie stehen die Mediziner diesen Forschungen gegenüber?
Sehr offen und interessiert. Wir arbeiten bereits seit Jahren sehr eng und sehr gut mit verschiedenen Jenaer Kliniken auf dem Gebiet Gesundheit und Ernährung zusammen. Schließlich ist das gesamte Umfeld des Menschen einschließlich der Ernährung für dessen Wohlbefinden und einen möglichen Krankheitsverlauf verantwortlich. Und häufig schaffen es Medikamente nicht allein, sie müssen begleitet werden und dabei spielen Ernährung und Lebensweise eine wichtige Rolle. Um nicht missverstanden zu werden: Heilen kann ein Lebensmittel selbstverständlich nicht.

Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit dem Einsatz von Stutenmilch, die bei zahlreichen Nomaden- und Reitervölkern noch heute zu den Grundnahrungsmitteln gehört und über deren Wirkung historische Überlieferungen wahre Wunderdinge berichten. Hat sie wirklich so positive Wirkungen auf den menschlichen Organismus oder gehören derartige Berichte eher ins Reich der Legenden?
Ganz und gar nicht. Wir haben bereits im Jahr 2000 gemeinsam mit der Klinik für Innere Medizin eine Stutenmilch-Studie bei entzündlichen Darmerkrankungen - Morbus Crohn und Colitis ulcerosa - erarbeitet. Die Patienten erhielten täglich 250 ml Stutenmilch und die Ergebnisse waren wirklich sehr ermutigend. Mit der Stutenmilcheinnahme wurden die Schmerzen, das Auftreten von Blut im Stuhl und die Medikamentendosis teilweise deutlich vermindert und das Wohlbefinden der Patienten verbesserte sich spürbar. In einer weiteren Studie wollen wir in Zusammenarbeit mit der Universitäts-Hautklinik die Wirkungen von Stutenmilch bei Neurodermitis-Patienten untersuchen, da verschiedene Einzelfallberichte darauf hindeuten, dass Stutenmilch auch hier Linderung verschaffen könnte.

Was hat Stutenmilch, was Kuhmilch nicht hat?
Stutenmilch ist eine so genannte Albumin-Milch mit einem sehr hohen Anteil an sekretorischem Immunglubolin A, der in etwa dem der Muttermilch entspricht. In der Kuhmilch ist dieser wichtige Inhaltsstoff, der sehr effektiv gegen schädliche Keime im Magen-Darm-Trakt wirkt und das Immunsystem stärkt, hingegen nur in sehr geringen Mengen vorhanden. Das hat zum einen physiologische Ursachen, die Kuh als Wiederkäuer hat ein ganz anderes Magen-Darm-System, und hängt möglicherweise auch mit der einseitigen Züchtung auf eine möglichst hohe Milchleistung zusammen. Stutenmilch enthält außerdem Lysozym und Lactoferrin, Enzyme, die keimhemmend und antibakteriell wirken, eine Art natürliche Antibiotika. Das sind Inhaltsstoffe, die in dieser Form in keinem anderen Lebensmittel zu finden sind, und das macht Stutenmilch so wertvoll. Zudem hat sie einen sehr hohen Anteil an Vitamin C, vergleichbar einem Apfel, und an Linolensäure. Der Fettgehalt ist dagegen sehr gering. Alles zusammen macht die positive Wirkung aus.

Ist Stutenmilch ähnlich bekömmlich wie Kuhmilch?
Normalerweise schon. Es gibt aber auch Patienten, die allergisch reagieren. Das ist aber nicht ungewöhnlich, auch nicht jedes Nahrungsmittel oder Medikament wird von allen Menschen vertragen.

Können Sie bei Ihren Studien auch Erfahrungen aus anderen Kulturen - beispielsweise Zentralasiens - nutzen?
Selbstverständlich, doch dabei handelt es sich neben Überlieferungen vor allem um Einzelfallberichte. Wir haben uns vorgenommen, dem "Geheimnis" der Stutenmilch jetzt streng wissenschaftlich auf den Grund zu gehen.

Und wie kommt der Patient an die Stutenmilch?
Stutenmilch wird vom Erzeuger tiefgefroren per Kurier verschickt. Pro Tag trinkt der Patient eine 250 ml-Flasche. Das wird bereits vielfach praktiziert, auch wenn der wissenschaftliche Hintergrund derzeit zumeist noch fehlt. Der größte Stutenmilch-Erzeuger in Thüringen ist übrigens das Haflinger-Gestüt in Meura. Daneben gibt es in ganz Deutschland noch zahlreiche weitere Höfe und Gestüte, die ebenfalls Stutenmilch anbieten.

Vielen Dank.
(Die Fragen stellte Dr. Matthias Vöckler)

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Mit bestem Willen

Ethik-Zentrum übernimmt Moderation in kompliziertem Diskussionsprozess

Prof. Nikolaus Knoepffler
Prof. Nikolaus Knoepffler hat Philosophie und Theologie in Würzburg und Rom studiert und sich 1998 in München in Philosophie (Forschung an menschlichen Embryonen. Was ist verantwortbar?) habilitiert. 2001 erfolgte die Berufung in die Bioethikkommission der Bayerischen Staatsregierung. Nach einer Gastprofessur in Washington wurde er 2002 auf den Lehrstuhl für Angewandte Ethik der FSU Jena berufen und Leiter des Jenaer Ethik-Zentrums; Foto: Scheere

"Eugenik" kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich "Lehre von den guten Erbanlagen". Doch der Begriff hat, vor allem im Deutschen, einen schlechten Klang, weckt er doch Assoziationen zur "Erbgesundheitslehre", "Rassenhygiene" und Euthanasie der Nationalsozialisten. Auf dem interdisziplinären Symposium "Eugenik und die Zukunft", das vom Ethik-Zentrum der Friedrich-Schiller-Universität Jena veranstaltet wurde, versuchten Philosophen, Pädagogen, Soziologen, Biologen, Anthropologen und Ethiker "vor dem Hintergrund neuer gentechnischer Möglichkeiten die verschiedenen Facetten und die historische Dimension des Problems zu beleuchten, aber auch Begriffe, die oft synonym gebraucht werden, im Grunde aber nur wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben, zu trennen", erklärte der Leiter des Zentrums, Prof. Dr. Nikolaus Knoepffler im Gespräch mit KLINIKMAGAZIN.

Was beinhaltet der Eugenik-Begriff?

Der klassische Eugenik-Begriff wie er von Francis Galton 1883 geprägt wurde, beinhaltet im Grunde ein Staatsprogramm zur Verbesserung des Erbgutes, also des Gen-Pools der Bevölkerung. Das kann durch die Förderung guter Erbanlagen - positive Eugenik - oder die Einschränkung der Ausbreitung nachteiliger Gene - negative Eugenik - geschehen. Der Philosoph Jürgen Habermas brachte im letzten Jahrhundert zusätzlich den Begriff der liberalen Eugenik in die Diskussion ein, der nicht mehr das Staatsprogramm, sondern das Bestreben Einzelner meint, die Gene ihrer Nachkommen zu optimieren. Schließlich unterscheiden wir zwischen aktiver und passiver Eugenik, wobei man unter aktiv die Verbesserung der Gene mit Hilfe gentechnischer Eingriffe versteht.

Sie erwähnten die historische Dimension. Erste eugenische Überlegungen gab es ja bereits im Altertum...
Platon brachte vor rund 2400 Jahren erstmals eine Art "Züchtungsprogramm" des Menschen in die europäische Philosophie ein. Das war Eugenik in ihrer klassischen Form: Der Staat sollte gewährleisten, dass sich nur die Besten miteinander paaren. Vorbild war ihm dabei die Tierzucht. Im 19. Jahrhundert vermischte sich die Eugenik-Debatte mit den in vielerlei Hinsicht unsinnigen Rassenlehren, die Rassen mit "besseren" und "schlechteren" Genen unterschieden; Theorien, die es zu jener Zeit im gesamten europäischen Kulturraum gab und die im Nationalsozialismus auf barbarische Weise in die Realität umgesetzt wurden. Die dort propagierte "Reinheit der Rasse" hatte übrigens nichts mit Eugenik zu tun, sondern war reine Ideologie. Daneben gab es auch in vielen europäischen Ländern und den USA Gesetze, die verhindern sollten, dass Menschen mit geistigen Behinderungen oder schweren Erbkrankheiten Nachkommen zeugen, die dann der Allgemeinheit "zur Last" fallen würden.

Was ist das Neue an der heutigen Debatte?
Mit den ersten gentechnischen Eingriffen am Menschen in den 1980er Jahren und der Möglichkeit der Präimplantationsdiagnostik (PID) rückten plötzlich ganz neue Fragen in das Blickfeld, beispielsweise: Dürfen Einzelne die Gene ihrer Kinder "verbessern" oder mittels PID jene Embryonen auswählen, die künftig vermeintlich die besten Lebenschancen haben?

Geht es dabei nicht vor allem um das "perfekte", das "Designer-Baby"?
Durchaus nicht. PID hat zumeist ganz andere Gründe, beispielsweise eine zu erwartende schwere Behinderung. Und nicht jeder kann und will der auch auf unserem Symposium diskutierten These zustimmen, dass Behinderung lediglich ein "Kulturbegriff" sei und die Menschen durch die Gesellschaft zu Behinderten "gemacht" würden. Schließlich nehmen schwer behinderte Kinder - unter Umständen ein Leben lang - intensivste elterliche Fürsorge in Anspruch und es steht wohl außer Frage, dass beispielsweise ein Querschnittsgelähmter auf bestimmte Lebensmöglichkeiten verzichten muss. Und das ist Realität und kein kulturbedingtes Konstrukt.

Ist es ethisch gerechtfertigt, PID durchzuführen?
Diese Frage kann man nicht mit "ja" oder "nein" beantworten. Zunächst ist zu klären, ob man dem frühen Embryo Menschenwürde zubilligt oder nicht.

Und diese Frage wird sehr unterschiedlich beantwortet, auch durch die verschiedenen Religionen...
Das ist richtig. Die wichtigsten Vertreter des Islam und des Judentums gehen davon aus, dass der frühe Embryo quasi Wasser ist und keine eigene Menschenwürde hat. Für die katholische Kirche ist er ein Mensch. Im Protestantismus und Anglikanismus gibt es hingegen sehr unterschiedliche Positionen.

PID wird in verschiedenen Staaten - auch der EU - sehr unterschiedlich beurteilt. Auch in Deutschland machen Teile von Wissenschaft und Industrie Druck, um die Politik zu einer "Liberalisierung" bestehender Regelungen zu bewegen...
Das ist nur die eine Seite der Medaille. Druck gibt es von verschiedenen Seiten, auch von moralischen Institutionen wie den Kirchen. So hat ein bayerischer Bischof gesagt, die Staatsregierung dürfe sich künftig weder christlich noch sozial nennen, wenn sie PID nicht ablehne. Er sagte das übrigens nicht, weil er seinen Willen durchsetzen und alle auf seine Linie bringen will, sondern weil er von dem, was er sagt, überzeugt ist. Das gilt genauso für Wissenschaft und Industrie, denen man nicht pauschal "böse" Absichten unterstellen darf, frei nach dem Motto: Was wir tun, ist zwar unmoralisch, aber es bringt Geld. Und ist es moralischer einem Paar zuzumuten, ein schwer behindertes Kind im Mutterleib heranwachsen zu lassen, um es später abzutreiben?
Wir verstehen uns am Ethik-Zentrum als Moderatoren, die helfen, Kompromisse zu suchen, die von der Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert und mitgetragen werden können. Und in diesen Diskussionen müssen wir jedem zunächst erst einmal besten Willen unterstellen.

Vielen Dank.
(Die Fragen stellte Dr. Matthias Vöckler)

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