Alkohol-Verzicht ist die beste Therapie
Erhebliche Auswirkungen auf Leber und Bauchspeicheldrüse
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| Großflächige Hautunterblutungen bei Leberversagen |
Schon Martin Luther äußerte: "Es ist leider ganz Deutschland mit Saufen geplagt. Wir schreiben ... und predigen darüber, es hilft aber leider nicht viel".
Man kann davon ausgehen, dass in Deutschland über 4 Millionen Menschen mit behandlungsbedürftigen Alkoholproblemen leben. Dabei handelt es sich um 1,6 Millionen Alkoholabhängige und 2,7 Millionen Personen, die einen schädlichen Gebrauch an Alkohol betreiben. Auf weitere 5 Millionen werden Personen mit einem riskanten Alkoholkonsum geschätzt.
Für die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit werden die folgenden Kennzeichen genannt:
- starker Wunsch oder sogar Zwang zum Alkoholkonsum
- Kontrollverlust, betreffend Beginn, Beendigung und Menge der Alkoholaufnahme
- Alkoholgebrauch, um Entzugssyndrome zu mildern
- ein körperliches Entzugssyndrom; um die Alkoholwirkungen zu erzielen, sind zunehmend höhere Alkoholmengen erforderlich (Toleranzentwicklung)
- Alkohol wird an Wochentagen wie am Wochenende getrunken und die Regeln eines gesellschaftlich üblichen Trinkverhaltens werden nicht mehr beachtet
- andere Vergnügungen werden gegenüber der Alkoholzufuhr mehr und mehr vernachlässigt
- es besteht weiter Alkoholkonsum, auch wenn schon deutliche Schädigungsfolgen aufgetreten sind.
Eine tägliche Alkoholzufuhr von mehr als 20g reinen Alkohols bei Frauen und 30g bei Männern werden derzeit schon als untere Dosis für den Beginn der Auslösung von Alkoholfolgekrankheiten angesehen.
Dabei wird die höhere Empfindlichkeit der Frauen auf niedrigere Abbaukapazitäten im Magen der Frauen, einen geringeren Anstieg eines Eiweißkörpers in der Leber, der Fettsäuren binden kann, und auf vererbungsmäßig bedingte Faktoren zurückgeführt. In der deutschen Bevölkerung finden sich etwa 6% Abstinente, 14% mit seltenem Alkoholgenuss (0 - 10g/Tag), 32 bis 53% mit mäßigem Gebrauch (10 - 40g/Tag), 16 bis 47% mit starkem Umsatz (40 - 80g/Tag) und 2 bis 7% Konsumenten > 80g/Tag.
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| Vorgewölbter Bauch durch Bauchwassersucht (Aszites) und zwei große gestaute Bauchvenen des so genannten Umgehungskreislaufes
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Fast alle Organsysteme des Körpers betroffen
Alkohol wirkt nicht nur sehr schädigend, sondern kann andere schon vorliegende Leberkrankheiten verschlimmern wie beispielsweise eine chronische Hepatitis C oder eine Fettleber. Außerdem ist der Alkohol ein wesentlicher Faktor bei der Entwicklung von Krebs im Rachenraum, der Speiseröhre und möglicherweise auch der Bauchspeicheldrüse. Unabhängig von diesen Schädigungsmöglichkeiten werden fast alle Organsysteme des Körpers wie Leber, Bauchspeicheldrüse, zentrales und peripheres Nervensystem und das Herz betroffen. Der Alkoholabusus führt auch zum Auftreten von Mangelerscheinungen der B-Vitamine (Folsäure, Vitamin B6, Vitamin B1 und Vitamin B12), der Vitamine A und D sowie von Zink, Magnesium und Phosphat.
Nicht selten ist ein erhöhter Alkoholkonsum auch mit einer qualitativ und mitunter auch quantitativ eingeschränkten Nahrungsaufnahme verbunden, wobei besonders die Eiweißzufuhr eingeschränkt wird, die sich dann selbst ungünstig auswirkt.
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| Blutung im Strahl aus einer Krampfader im oberen Magen
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Nun einige Ausführungen zur schädigenden Wirkung von Alkohol auf die Leber:
Das Hauptabbau-Organ für den Alkohol ist die Leber. Primär kommt es beim Umsatz des Alkohols zur Entstehung von Acetaldehyd und einer Sauerstoffschuld, die die Ursache für die Entwicklung einer Fettleber sind. Aus dieser kann dann eine Entzündung (Fettleberhepatitis) entstehen, schließlich eine vermehrte Ablagerung von Bindegewebe in der Leber (Leberfibrose) und zuletzt ein Leberumbau (Leberzirrhose). Der Alkohol kann - wenn auch seltener - sogar direkt zu einer Fettleberhepatitis führen. Eine Leberzirrhose ist das Endstadium der schädigenden Wirkung des Alkohols auf die Leber. Sie geht nicht selten mit lebensbedrohlichen Komplikationen wie Blutungen aus Krampfadern der Speiseröhre oder des Magens (Abb. 1), Bauchwassersucht (Abb. 3) sowie erheblicher Beeinträchtigung der Hirnleistungsfunktionen bis zu deren Ausfall einher. Aber auch zu schweren Hautunterblutungen durch Störung des Blutgerinnungssystems kann es kommen (Abb. 2).
Das Entscheidende in der Behandlung der Leberschäden durch den Alkohol ist gleichzeitig das Schwierigste, nämlich eine absolute Alkoholkarenz zu erreichen. Dazu sind eine verständnisvolle Familie, aufgeklärte Kollegen am Arbeitsplatz, ein gutes Verhältnis von Patient und Hausarzt sowie die Mitarbeit in den Gemeinschaften "Anonymer Alkoholiker" (Anonyme Alkoholiker Interessengemeinschaft e.V., Postfach 460227, 80910 München) erforderlich.
Es kommt darauf an, wenn irgendwie möglich, die Alkoholabstinenz vor dem Auftreten der Leberzirrhose zu erreichen. Aber selbst, wenn eine solche schon vorliegt, ist das Weglassen des Alkohols immer noch die wichtigste Behandlungsmaßnahme, zumal sie auch Voraussetzung für einen Stillstand des weiteren Umbaues ist.
Alle medikamentösen oder auch andere Maßnahmen haben unterstützenden und Mangelerscheinungen ausgleichenden Charakter.
Alkohol und Bauchspeicheldrüse (Pankreas)
Abgesehen von den alkoholisch bedingten Leberschädigungen kommt den durch erhöhten Alkoholkonsum hervorgerufenen Krankheiten der Bauchspeicheldrüse eine besondere Bedeutung zu. Man muss heute davon ausgehen, dass es primär selten zu einer akuten Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) kommt, sondern sich aus einem über 5 bis 10 Jahre dauernden Alkoholgebrauch eine chronische Pankreatitis entwickelt, die sich zum ersten Mal mit einem akuten Schub bemerkbar macht. So sind in allen Industriestaaten etwa 70 - 80% der chronischen Pankreatitiden durch einen erhöhten Alkoholverbrauch hervorgerufen.
Am Anfang der Erkrankung stellen sich wiederholende Schmerzzustände, die der Betroffene nicht selten durch weitere Alkoholzufuhr zu beherrschen versucht, ein. Im akuten Schub kann es zum Untergang von großen Teilen der Bauchspeicheldrüse mit schweren Vergiftungserscheinungen des Körpers oder auch zu Zystenbildungen, Blutungen und anderen Komplikationen kommen. Die immer wieder auftretenden Schübe mit Gewebsuntergang und Narbenbildung führen schließlich zu einer Verhärtung und Schrumpfung des Organs, das nunmehr seine Hauptfunktionen, wie die Bildung der wichtigsten Verdauungsstoffe und des Insulins, nicht mehr ausreichend wahrnehmen kann. Die Folgen sind eine unzureichende Verdauung mit sog. Fettstühlen und entsprechender zunehmender Gewichtsabnahme sowie die Entwicklung einer Zuckerkrankheit. Der Betroffene wird also in seiner Lebensqualität erheblich eingeschränkt.
Auch bei der Behandlung der Bauchspeicheldrüsenentzündung ist das Weglassen des Alkohols die entscheidende Maßnahme. Die fehlenden Verdauungsstoffe werden ebenso wie das fehlende körpereigene Insulin durch Medikamente ersetzt. Die mit der Bauchspeicheldrüsenentzündung einhergehenden Komplikationen erfordern mitunter ein operatives Vorgehen.
Zum Schluss sei noch vermerkt, dass Trinker von Spirituosen und Bier ein deutlich größeres Risiko haben als Weintrinker, einen Leberumbau (Zirrhose) zu entwickeln.
Auch der Arzt muss sich immer wieder in sein Bewusstsein rufen, dass Alkoholabhängigkeit eine Krankheit ist, wie es auch in einem Grundsatzurteil aus dem Jahr 1968 anerkannt wurde.
Prof. Dr. med. Hans Bosseckert, Direktor der Klinik für Innere Medizin I
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Gefahr schwerer Schädigungen durch Alkoholembryopathie
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| Typische Gesichtsauffälligkeiten einer Alkoholembryopathie: kurze Lidspalten, Mongolenfalte der Augen, herabhängende Oberlider, Steckdosennase, verstrichenes Philtrum, dünne Oberlippe mit schmalem Lippenrot und dysplastische Ohren
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Dass Alkohol werdendem Leben nicht zuträglich ist, ist eine Binsenweisheit. Dennoch wurde der schädigenden Wirkung von Alkohol in der Schwangerschaft erst seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die erforderliche Aufmerksamkeit entgegengebracht. Für die intrauterine Fruchtschädigung durch Alkohol wurde zunächst der Begriff des fetalen Alkoholsyndroms (fAS) geprägt. Später führte Majewski den heute gebräuchlichen Terminus Alkoholembryopathie (AE) ein. 1973 beschrieben Jones und Mitarbeiter 11 Kinder chronisch alkoholkranker Mütter. Diese waren durch Kleinwuchs, Untergewicht, Mikrozephalie (1) sowie statomotorische und geistige Entwicklungsverzögerung gekennzeichnet. Weiterhin fanden sie gehäuft Herzfehler, Auffälligkeiten des Skeletts und der Gelenke, urogenitale Anomalien sowie Gesichtsauffälligkeiten.
Insbesondere durch die Arbeiten von Bierich und Majewski erfolgte seit Mitte der 70er Jahre eine weitere Charakterisierung der Alkoholembryopathie. Majewski nahm eine detailliertere Beschreibung der klinischen Symptomatik anhand der Untersuchung von mehr als 60 eigenen Patienten und über 50 Fällen aus der Literatur vor und gab die Häufigkeiten der beobachteten Merkmale an (Tab. 1).
Zur klinischen Diagnosestellung der
Alkoholembryopathie werden sechs Kriterien herangezogen:
- Pränatale und postnatale Mangelentwicklung (Dystrophie), kombiniert mit disproportioniertem Kleinwuchs und Mikrozephalie,
- Gesichtsdysmorphien mit kurzen Lidspalten (Blepharophimose), Mongolenfalte der Augen (Epikanthus), herabhängende Oberlider (Ptosis), flacher Nasenrücken mit antevertierten Nasenlöchern (Steckdosennase), verstrichenes Philtrum (2), dünne Oberlippe mit schmalem Lippenrot und wenig modulierten (dysplastischen) Ohren (Abb. 1),
- Statomotorische und geistige Entwicklungsverzögerung mit muskulärer Hypotonie und vermehrter Erregbarkeit, häufig kombiniert mit Ernährungs- und Gedeihstörungen,
- Entwicklungsstörung des Zentralnervensystems von leichter bis schwer ausgeprägter psychomotorischer Retardierung, Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrations- und Lernstörungen. Als morphologisches Korrelat dafür finden sich gehäuft ZNS-Anomalien (3),
- Fehlbildungen, vor allem Herzfehler 30% (z.B. Ventrikel- und Vorhof-Septumdefekt, Fallot'sche Tetralogie) und urogenitale Anomalien 10%, teilweise auch Gaumenspalten und Augenfehlbildungen wie Optikusatrophie (Schwund des Sehnerven), Mikrophthalmus (abnorm kleines Auge), Grauer Star, Anomalien der retinalen Blutgefäße, Schielen und Ptosis,
- weiterhin finden sich häufig auffällige Handfurchen (abgeknickte 3-Finger-Furche, verkürzte 5-Finger-Furche; Abb. 2), Skelettanomalien mit eingeschränkter Gelenkbeweglichkeit, Nagelhypoplasien, Hüftluxationen, Hernien, Steißbeingrübchen, Trichterbrust und Hämangiome ("Blutschwämme"). An Skelettanomalien können zusätzlich Knorpelverkalkungen (Chondrodystrophia punctata) sowie Entwicklungsstörungen der langen Röhrenknochen auftreten.
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| Handlinienanomalien mit abgeknickter 3-Finger- und verkürzter 5-Finger-Furche
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Die Angaben zur Häufigkeit der Alkoholembryopathie variieren stark und liegen in den USA zwischen 0,5 und 1,9 pro 1.000 Neugeborene. Die geschätzte Inzidenz in Deutschland beträgt ca. 500 bis 1.000 Fälle pro Jahr. Etwa ein Drittel aller Kinder chronisch alkoholkranker Mütter weisen mehrere typische Merkmale einer Alkoholembryopathie auf, ca. 60 bis 70% zeigen partielle teratogene Effekte.
Als pathogener Mechanismus wird die direkte embryotoxische Wirkung des Ethanols und des Acetaldehyds angenommen. Eine Dosis-Wirkungskorrelation ist bisher nicht belegt. Man geht jedoch davon aus, dass während der Schwangerschaft bereits bei einer täglichen Zufuhr von 60 bis 100g
Alkohol eine Fruchtschädigung mit Entwicklung einer Alkoholembryopathie eintritt. Zusätzliche sekundäre Mangelzustände wie Vitaminmangel und Nikotinabusus der Mutter, wirken als potenzierende Faktoren. Die hohe Konkordanz der klinischen Symptomatik bei eineiigen (monozygoten) Zwillingen lässt modifizierende genetische Faktoren bei der schädigenden Wirkung des Alkohols annehmen.
Unverändert ist die Alkoholembryopathie eine der häufigsten Ursachen angeborener mentaler Retardierung. Die Entwicklungsverzögerung sowie die psychopathologischen Störungen lassen sich häufig bis in das Erwachsenenalter nachweisen.
Da nur symptomatische Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen, sind dringend präventive Maßnahmen gegen den chronischen mütterlichen Alkoholismus erforderlich.
OA Dr. Jörg Seidel, Klinik für Kinder-und Jugendmedizin (AB Klinische Genetik)
(1) deutliche Verkleinerung des Kopfumfanges in Bezug auf die dem Alter entsprechenden Körperproportionen
(2) "Rinne" in der Mitte der Oberlippe
(3) bspw. Balkenmangel, Septum pellucidum-Zyste, Ventrikelerweiterungen und Hirnstammhypoplasie
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Verbote helfen nicht weiter
Jenaer Psychologin legte Untersuchung zum Alkoholkonsum Jugendlicher vor
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| Die gebürtige Weimarerin Dr. Karina Weichold arbeitet an der FSU auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie. Zuvor war sie unter anderem bei der WHO in Genf tätig
Foto: Günther |
Jährlich, so war einer Mitteilung der Bundesregierung Mitte Juli diesen Jahres zu entnehmen, sterben in Deutschland etwa 42.000 Menschen an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Bei jedem zwanzigsten Bundesbürger liegt Alkoholmissbrauch oder sogar -abhängigkeit vor. Darunter befinden sich ca. eine Million Frauen und mehr als 20.000 minderjährige Jugendliche.
Zu Fragen des Alkoholkonsums Jugendlicher hat Dr. Karina Weichold vom Institut für Psychologie der FSU (Abt. Entwicklungspsychologie) vor Kurzem eine Dissertation vorgelegt.
Die Grundlage der Untersuchungen der Jenaer Psychologin bildete ein Archivdatensatz, der die Entwicklung von 434 Leipziger Jugendlichen zwischen 1986 und 1995 - also über die politische Wende hinweg - dokumentiert. Erstellt wurde dieser bis 1990 vom ehemaligen Zentralinstitut für Jugendforschung der DDR in Leipzig vor allem unter dem Aspekt der Entwicklung der schulischen Fähigkeiten der zu Beginn der Untersuchung Neun- bis Zehnjährigen. Danach wurde die Untersuchung durch das Deutsche Jugendforschungsinstitut in München weitergeführt. "Für mich war von besonderem Interesse, dass die inzwischen Jugendlichen auch über ihr Verhältnis zum Alkohol und zum eigenen Alkoholkonsum befragt wurden. Dies ist im Zeitfenster vom 14. bis zum 16. Lebensjahr besonders interessant. Schließlich machen in dieser Zeit die meisten Jugendlichen Bekanntschaft mit Wein, Bier oder auch Hochprozentigem, zudem verfestigen sich in diesem Alter bereits erste Konsummuster. Und wenn diese für die Entwicklung der Jugendlichen ohnehin interessante Phase in eine Zeit tief greifenden gesellschaftlichen Wandels fällt, wird es hochbrisant."
Überdurchschnittlich viele "Problemtrinker" im Osten Deutschlands
"Da bekannt ist, dass frühe Aggressivität und starke Impulsivität in der Kindheit mögliche Anzeichen für künftige Alkoholprobleme sind, habe ich in meine Untersuchungen auch Kindheitsdaten mit einbezogen. Zu dieser Gruppe der Frühgeschädigten gehören allerdings nur etwa 10% der jugendlichen Alkoholkonsumenten, 90% waren in der Kindheit nicht auffällig." Während die erstgenannte Gruppe auch im weiteren Leben oftmals auffällig bleibt und mit Alkohol ihr geringes Selbstwertgefühl kompensiert, wächst die zweite zeitweilige Probleme mit dem Alkohol im Erwachsenenalter zumeist aus. "Das sind die klassischen ,Spaßtrinker', bei denen Trinken zum ,Life-Style' gehört. Wenn sie im Beruf stehen und/oder selbst Eltern sind, reduziert sich die Möglichkeit von Discotheken- oder Restaurantbesuchen und damit auch der Alkoholkonsum zumeist deutlich."
Allerdings - und dies ist ein Spezifikum der Untersuchung - hatte der soziale Wandel in Ostdeutschland auch für etwa ein Drittel der nicht frühgeschädigten Jugendlichen gravierende Folgen. "Wir haben es hier - anders als in den alten Bundesländern oder in vielen westeuropäischen Staaten - mit einer dritten Gruppe zu tun, deren Eltern nach 1989 einen sozialen und finanziellen Absturz erlebten und zu den ,Wendeverlierern' gehören. Darunter befinden sich viele, die einst in der DDR zum ,Mittelstand' zählten, nach der Wende aber keinen Boden mehr unter die Füße bekamen." Diese Jugendlichen fühlen sich als sozial Ausgeschlossene und sind vielfach zu "Problemtrinkern" geworden, die sich angesichts finanzieller Probleme Disco- oder Restaurantbesuche nicht leisten können, den Alkohol vielfach in der Clique konsumieren und auf diese Weise versuchen, familiäre und schulische Probleme zu kompensieren. "Wenn Jugendliche aus diesen Gründen trinken, sind sie einem erheblich höheren Risiko ausgesetzt, später Alkoholiker zu werden oder andere Probleme zu bekommen. Ich denke bspw. an Mädchen, die sehr früh schwanger werden, nur noch wenig in ihre Bildung investieren können und auf diese Weise schnell in das berufliche oder soziale Abseits geraten."
Bedauerlich ist, so Karina Weichold, dass die Alkoholproblematik bei Jugendlichen in der Öffentlichkeit nach wie vor eine viel zu geringe Beachtung findet. "Während Ecstasy- und Heroin-Tote seit langem im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit und der politischen Diskussionen stehen, werden die hundertmal höheren Zahlen von Alkohol- und Nikotintoten - insgesamt sind das fast 150.000 pro Jahr - zumeist nur am Rande erwähnt." Dies betrifft auch die Diskussionen über die Folgen des jugendlichen Alkoholkonsums, von Organschäden bis hin zu unter Alkoholeinfluss verursachten Verkehrsunfällen, bei denen nicht selten Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden. "Das Hauptproblem ist, dass die Droge Alkohol in unserem Kulturkreis legal ist, akzeptiert wird und nirgends fehlt, sei es bei der Familienfeier, beim Geschäftsessen oder bei gesellschaftlichen Ereignissen. Da ist es sehr schwer, eine Grenze zwischen Gebrauch und Missbrauch zu ziehen und Jugendlichen die damit verbundenen Gefahren überzeugend klar zu machen", bedauert die Jenaer Psychologin.
"Reifelücke" wird oft durch Problemverhalten geschlossen
Aus entwicklungspsychologischer Sicht haben die "legalen Drogen" Alkohol und Nikotin allerdings auch noch eine andere wichtige Komponente: Jugendliche nutzen diese, um sich erwachsen zu fühlen und zu präsentieren. "Wenn man die Entwicklung der letzten Jahrzehnte verfolgt, sieht man, dass Jugendliche immer früher biologisch reif werden, angesichts der langen Bildungswege aber immer später den Status eines Erwachsenen erhalten." Diese "Reifelücke" wird durch Problemverhalten wie Rauchen oder Alkoholtrinken, das zudem eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht und zur Etablierung erster Partnerschaften darstellt, "überbrückt".
"Gerade deshalb ist das Problem des Alkoholkonsums bei Jugendlichen ein schwieriges und sehr differenziert zu betrachtendes Thema. Harte Gegenmaßnahmen oder strikte Verbote sind wenig sinnvoll, wohl aber eine zielgerichtete und differenzierte Prävention, um mögliche lebenslange Alkoholprobleme zu vermeiden. Bei den Frühgeschädigten", erläutert Dr. Karina Weichold, "ist eine möglichst frühe Prävention erforderlich. Diese könnte, ja sollte, bereits im Kindergarten einsetzen. Voraussetzung ist natürlich, dass Kinder mit Frühauffälligkeiten von qualifizierten Erziehern erkannt und von Psychologen oder speziell ausgebildeten Trainern therapiert werden. Damit, dies zeigen Studien in den USA und anderen Ländern, ist es möglich, die Kinder von ihren Versagensängsten zu befreien und ihnen ein prosoziales Verhalten zu vermitteln." Auch bei allen anderen sollte man den Alkoholkonsum nicht generell verbieten, die USA haben mit einem derart restriktiven Vorgehen bereits in den Jahren der "Prohibition" (1920 bis 1933) schlechte Erfahrungen gemacht und machen diese mit ihren aktuellen Null-Konsum- ("Just say no") und Null-Toleranz-Kampagnen derzeit erneut: "Die Prävalenzraten sind dadurch enorm in die Höhe geschnellt."
Vermittlung von Lebenskompetenzen
Viel wichtiger als Verbote ist die Vermittlung allgemeiner Lebenskompetenzen, unspezifischer wie Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen und Standhaftigkeit, aber auch "alkoholspezifischer", wodurch der Erstkonsum hinausgezögert werden kann und sich Organschädigungen vor allem des zentralen Nervensystems und des Gehirns unter Umständen vermeiden lassen. "Derartige Trainings werden in einigen Ländern, bspw. in Island, wo ,Lifeskill' ein reguläres Schulfach ist, oder in Südafrika, wo die Alkohol- mit der AIDS-Problematik kombiniert wird, mit ganzen Schulklassen durchgeführt. Dies hat den Vorteil, dass die Teilnehmer nicht stigmatisiert werden, die Gruppe miteinander kommunizieren und adäquate Verhaltensweisen erlernen kann. Auch in Deutschland gibt es inzwischen erste derartige Modellprojekte. In den neuen Ländern ist es zudem erforderlich, Benachteiligten realistische Perspektiven für ihr weiteres Leben aufzuzeigen, um aus der teilweise verfahrenen sozialen Situation herauszukommen." mv
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