Die Geschichte der Krankenpflege läßt sich bis in die Frühzeit der menschlichen Entwicklung zurückverfolgen, als die ersten naturgemäßen Bindungen der Mütter zu ihren Kindern entstanden. Diese wurden von der Mutter genährt, gepflegt und erzogen. Frauen betreuten das Feuer, sammelten Nahrungsmittel, betrieben Ackerbau, züchteten Kulturpflanzen und machten vielfältige Erfahrungen mit Kräutern, die sie zum Heilen und zur Geburtenregelung nutzen. Sie beobachteten natürliche Rhythmen des Körpers und lernten, mit ihnen umzugehen. Auch in magischen und religiösen Bräuchen und Riten fanden sich Handlungen wieder, die pflegerischer Natur waren. Die Frauen bildeten das Zentrum ihrer Gemeinschaft.
Daß die Pflege eine sehr frühe Tätigkeit des Menschen ist, verdeutlichen auch archäologische Funde. Hierzu gehören die etwa 10.000 Jahre alten Skelette eines Mannes, der an Spondyarthritis erkrankt war und einer Frau, die eine schwere Trümmerfraktur der unteren Wirbelsäule erlitt und überlebte. Ohne Pflege wäre dies nicht möglich gewesen.
In den frühen Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens, Chinas und Indiens betrieben Frauen eine bereits hochentwickelte Heilkunst. In den Tempeln und in den Familien betreuten und heilten sie die Kranken mit Kräutern und nutzen dabei deren antiseptische, schmerzlindernde, blutstillende, Brechreiz verursachende und fiebersenkende Wirkung. Mehr als 800 aus Mesopotamien stammende Heilrezepte aus der Zeit um 2600 v. Chr. sind gefunden und übersetzt worden. In der Medizin des alten Griechenland spielte die Diätetik eine besondere Rolle. In den Heilplänen sind verschiedene Maßnahmen enthalten, die heute der Krankenpflege zugeordnet werden können. Die genaue Beobachtung des Kranken als Element der hippokratischen Medizin hat auch für die heutige Krankenpflege noch eine große Bedeutung. Die "elementaren Lebensbedürfnisse des Menschen" im "Corpus Hippocraticum" ähneln heutigen theoretischen Ansätzen in der Pflege, die als Bedürfnismodelle bezeichnet werden.
Eine ganz besondere Bedeutung für die Entwicklung der abendländischen Pflege und insbesondere der Krankenpflege hat das mit der Entstehung des Christentums verbundene Ideal der Nächstenliebe. Dieser Gottes- und Nächstenliebe entspringt die praktische "Caritas", der Dienst am Menschen. Bereits mit der Entstehung der ersten christlichen Gemeinden wird dieser Auftrag auch organisatorisch und strukturell umgesetzt. Es entsteht die Institution Diakonat mit den Ämtern Diakon oder Diakonin. Deren Aufgabe war es, zum Teil äußerst niedrige Dienstleistungen wie das Waschen von Kranken oder das Salben, Bekleiden und Bestatten der Toten zu verrichten. Bischof Dionysius von Alexandrien lobte die Arbeit der Diakone und Diakonissen, die sich auch während einer Pestepidemie nicht schonten, sondern sich furchtlos der Kranken annahmen, sie sorgfältig pflegten und ihnen in Christus dienten. Nur Jungfrauen und Witwen, die eine besondere Kleidung zu tragen hatten, durften damals das Amt der Diakonissin ausüben. Der Heilige Hieronymus erzählt um 399 n. Chr. mit großer Achtung von der vornehmen Römerin Fabiola, die ihr Leben caritativen Aufgaben widmete, das erste öffentliche Gemeindehospital gründete und dort als Ärztin, Heilerin und Krankenpflegerin arbeitete.
Vom Zerfall des Römischen Reiches bis zum Hochmittelalter war das Leben der Menschen außerordentlich beschwerlich. Die Bevölkerung litt unter Seuchen, Frauen starben häufig an Geburten; Kindstötungen, besonders der weiblichen Neugeborenen, waren an der Tagesordnung. Verheerende Brände zerstörten Klöster und deren Bibliotheken, in denen heilerische und medizinische Niederschriften aufbewahrt wurden. Die Heilkünste wurden der Bevölkerung durch Hebammen, Chirurgen, Bader und Wundärzte mündlich überliefert.
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| Die Armen und Kranken speisen und pflegen: Ausschnitt aus dem Elisabeth-Teppich auf der Wartburg (15. Jh.) |
Das 16. Jh. war das Zeitalter der großen Entdeckungen, aber auch der Reformation und Gegenreformation. Nach der Schließung oder Zerstörung vieler Klöster im Zuge der Reformation etablierte sich die Pflege vor allem in öffentlichen Siechenhäusern. Hier wurden die Kranken und Hinfälligen unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen und teilweise von Frauen mit einem eher zweifelhaften Ruf
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| In den mittelalterlichen Spitälern mühten sich Ärzte und Pflegende nach Kräften, zumindest das größte Elend zu lindern |
Auch an die Bildung der Pflegenden wurden erstmals Anforderungen gestellt: sie mußten lesen und schreiben können. Ähnliche Eigenschaften an die Krankenwärter stellte, wiederum ca. 100 Jahre später, Johann Storch in seinem 1746 in Gotha erschienenem "Lehrbuch für die Wohlunterrichtete Kranckenwärterin". Auch er favorisierte Frauen für die Pflegetätigkeit, die eine Sache sei, "welche sich am füglichsten für das weibliche Geschlecht schicket, indem es mit Betten und anderem Weisszeug und Waschen besser umzugehen wisse."
Im 18. Jh. begannen die Ärzte, sich zunehmend mit Fragen der Krankenpflege im Rahmen wissenschaftlicher Abhandlungen auseinanderzusetzen. Franz Anton May gilt als Gründer der ersten öffentlichen deutschen Krankenpflegeschule.
Im frühen 19. Jh. veränderte sich das Krankenhauswesen grundsätzlich. Theodor und Friederike Fliedner gründeten 1836 in Kaiserswerth den Rheinisch-Westfälischen Diakonissenverein und die Diakonissenanstalt als Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen. Dies ist der Beginn der evangelischen Pflegediakonie, die die katholische Ordenspflege zum Vorbild hatte. Fliedner stellte die Krankenpflege als religiöse Aufgabe dar, die Diakonissen wurden strengen Lebensregeln unterworfen. Ihre Kleidung ähnelte der der rheinischen Bürgersfrau. Ihre Ausbildung in der leiblichen Krankenpflege wurde einem Arzt übertragen. So wurde sie bewußt als Helferin des Arztes erzogen. In religiösen Gesprächen mit dem Kranken und Vorlesungen religiöser Schriften bestand der geistliche Teil der Krankenpflege. Leibliche und geistliche Krankenpflege wurden als Einheit angesehen, wobei die praktische Hilfe für den Kranken den Vorrang haben sollte. Fliedner schuf so in der Mitte des 19. Jh. eine Ethik der Krankenpflege. Bald ging er daran, Diakonissen für die auswärtige Privatpflege zur Verfügung zu stellen, er entsandte sie aber auch zur Krankenpflege in andere Krankenhäuser. Fliedner erkannte, daß für eine harmonische Zusammenarbeit organisatorische Voraussetzungen geschaffen werden mußten und begann, Diakonissen nur in solche Krankenhäuser zu entsenden, in denen sie auch die Verwaltung des Hauses übernahmen. Die Institution der Oberin erhielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Position im Krankenhaus.
Für die weitere Entwicklung des Berufes der Krankenschwester war es von Bedeutung, daß die Diakonissen im Gegensatz zu den bisherigen Krankenwärterinnen, deren Ansehen in der öffentlichen Meinung sehr gering war, ein hohes Sozialprestige besaßen. Die von Fliedner eingesetzten Oberinnen achteten streng darauf, daß nur geeignete Frauen und Mädchen als Diakonissen aufgenommen wurden, wobei die moralische Eignung entscheidend war. Diakonissen arbeiteten seit 1850 auch an der Charité zu Berlin, aber liberale Ärzte der naturwissenschaftlichen Schule konnten deren weltanschauliche Ansätze nicht teilen. Die Diakonissen hatten ihre eigenen Regeln und waren daher nicht in der Weise zu kommandieren, wie es mit einfachen Krankenwärtern und -wärterinnen, deren Arbeitstag 16 Stunden hatte, üblich war. Rudolf Virchow setzte sich daher nach seiner Rückkehr nach Berlin im Jahre 1856 mit Entschiedenheit für die Ausbildung und Ausübung der Krankenpflege außerhalb kirchlicher Organisationen ein.
Der Gründer des Roten Kreuzes, Jean-Henri Dunant, engagierte sich auf Grund seiner Erlebnisse auf dem Schlachtfeld von Solferino (1859) für eine verbesserte Versorgung der Verwundeten. In den darauffolgenden Kriegen von 1864; 1866 und 1870/71 wurde die Pflege von Kranken und Verwundeten durch Vaterländische Frauenvereine wesentlich gefördert und die Idee der öffentlichen Krankenpflege weiter verbreitet.
Für die Hebung des sozialen Ansehens der Krankenschwester, die keinem konfessionellen Orden angehörte, war die Verbesserung ihrer Ausbildung von Bedeutung. Vor allem die großen Fortschritte und die Entwicklung in den operativen Fächern stellte an die Krankenpflege immer höhere Anforderungen.
Im Laufe der Zeit wurden an vielen öffentlichen Krankenhäusern Krankenpflegeschulen errichtet. Um die Jahrhundertwende kam es zur Gründung eigener Schwesternschaften an großen öffentlichen Krankenhäusern. Die Berufsbezeichnung der Krankenschwester blieb nicht mehr allein konfessionell gebundenen Pflegepersonen vorbehalten. Auch die Schwesterntracht, ursprünglich ein äußeres Zeichen der besonderen sozialen Stellung der konfessionell gebundenen, wurde zur allgemeinen Berufsbekleidung auch der freiberuflichen Krankenschwestern. Im Hinblick auf die besonderen Probleme bei der Säuglings- und Kinderkrankenpflege, der besonders unter bevölkerungspolitischen Gründen um die Jahrhundertwende große Beachtung geschenkt wurde, entwickelten sich die Berufe der Säuglings- und die Kinderkrankenschwester, die ihre Ausbildung in gesonderten Schulen erhielten.
Auf die soziale Stellung des Krankenpflegepersonals wies 1908 Elisabeth Storp, eine katholische Rot-Kreuz-Schwester, hin. Sie zeigte auf, daß die Berufsverhältnisse des Pflegepersonals von Überanstrengung, ungenügender und willkürlicher Besoldung sowie unzureichender Zukunftsversorgung geprägt waren. Dem könne nur abgeholfen werden, wenn Ausbildung und Anstellung verstaatlicht würden. Die Arbeitsinhalte der Krankenpflegerin beschrieb sie wie folgt: Sie hat "alle Tage - Ruhe und Festage kennt die Krankenpflegerin nicht - von morgens 6 Uhr bis abends 8 Uhr auf den Beinen zu sein. Da gibt es zu scheuern, zu waschen, zu spülen, zu heben und zu rücken. Jeder Kranke erfordert individuelle Behandlung, jede Veränderung an ihm muß beobachtet werden. Mit Wort und That hat die Pflegerin einzugreifen und dabei die Gefahren, die ihrem eigenen Körper durch Infektion usw. drohen, nicht zu scheuen." Und weiter schreibt sie: "wahrlich, bei solchen Anforderungen wäre eine Verkürzung der Arbeitszeit sicherlich geboten. In einem solchen anstrengenden Dienste muß eine Schwester schon nach ein paar Jahren die Anspannung verlieren und mehr oder weniger zur Maschine werden ... auch daß gebildete Mädchen halbe Tage mit der gröbsten Scheuerarbeit betraut werden, ist mindestens überflüssig und kostspielig, zum Teil im Interesse der Kranken direkt schädlich ... (denn) eine ganz verarbeitete Hand kann ... nicht genügend desinfiziert werden und dem Kranken nicht weich und angenehm sein." 1911 veröffentlichte die Oberin Anna von Zimmermann Beiträge zur ethischen Berufserziehung unter dem Titel "Was heißt Schwester sein? Darin beschreibt sie u.a. die religiöse Grundlage des Schwesternberufes, verbreitete Untugenden, die es zu bekämpfen gilt sowie unerläßliche Eigenschaften für die Pflegetätigkeit wie Furchtlosigkeit, Gehorsam, Wahrhaftigkeit, Aufmerksamkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Zuverlässigkeit und Geduld.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die Gleichschaltung der verschiedenen Schwesternverbände. 1936 wurde ein Fachausschuß für Schwesternwesen gegründet, in dem Schwesternorganisationen wie die NS-Schwesternschaft, Reichsbund der Freien Schwestern, Schwesternschaft des Roten Kreuzes, Diakoniegemeinschaften und Caritasverband zusammengefaßt waren, nicht zuletzt, um in den darauffolgenden Kriegsjahren den Einsatz des Pflegepersonals zu koordinieren. Bedingt durch die Kriegsereignisse stieg die Zahl des Pflegepersonals in den folgenden Jahren weiter an. Etwa 100.000 Pflegekräfte arbeiteten 1952 in diesem Beruf, der sich in den nachfolgenden Jahrzehnten in einem bis dahin nicht gekannten Maße weiterentwickelte.
Marion Oklitz, Stationsschwester
Klinik für Innere Medizin
Nephrologie, Station 3