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| Vorlesung im Jenaer Anatomischen Theater (Studentisches Stammbuchblatt aus dem 17. Jh.) |
An der Wende zum 17. Jahrhundert vollzogen sich an der Medizinischen Fakultät Jena deutlich spürbare Veränderungen. Der philologisch-historische Charakter der medizinischen Studien und Vorlesungen begann mehr und mehr in den Hintergrund zu treten, eine größere Praxisnähe wurde angestrebt und erste Ansätze einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Forschung begannen sich zu entwickeln. Verdienste erwarb sich hierbei zunächst vor allem Zacharias Brendel sen., der seit 1612 eine Medizinprofessur in Jena innehatte, chemische Übungen und botanische Exkursionen durchführte und für das Sommersemester 1612 die öffentliche Sektion einer Leiche ankündigte.
Für Jena Ruf nach Padua ausgeschlagen
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| Werner Rolfinck war die prägende Persönlichkeit an der Medizinischen Fakultät im 17. Jh. |
Der bedeutendste der Jenaer Mediziner jener Zeit aber war Werner Rolfinck, der an den renommierten medizinischen Fakultäten in Wittenberg, Leyden, Oxford, Paris und Padua studiert und in Venedig promoviert hatte. Der gebürtige Hamburger Rolfinck kam im Jahre 1629 als 30jähriger nach Jena, nachdem er einen Ruf nach Padua, an die damals führende Medizinische Fakultät, ausgeschlagen hatte. An der "Salana" wirkte er bis zu seinem Tode
im Jahre 1673. Hier las er, zunächst als "tertius collega", als dritter Professor, Anatomie, Chirurgie,
Botanik und Chemie. Rolfinck errichtete, italienischen Vorbildern folgend, das "Theatrum
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| Werner Rolfincks "Consilia medica" aus dem Jahre 1669 |
anatomicum", das 50 bis 60 Zuschauern
Platz bot und in dem im Rahmen der Ausbildung von Medizinern regelmäßig öffentliche Sektionen menschlicher Leichen - und hier vor allem Hingerichteter - stattfanden. Der Volksmund sprach seinerzeit davon, daß die Delinquenten große Angst gehabt hätten, nach der Hinrichtung "gerolfinckt" zu werden.
Unter Rolfinck erlebte vor allem die Anatomie in Jena einen raschen Aufschwung. Außerdem verstärkte sich an der Medizinischen Fakultät die Akzeptanz der Lehren von Paracelsus und Vesal sowie Harvey, dessen Erkenntnisse und Auffassungen über den Blutkreislauf Rolfinck unterstützte. Der Mediziner widmete sich aber auch der Ophthalmologie und konnte hier Quarrés Entdeckung des Sitzes des grauen Stars in der Augenlinse erstmals anatomisch bestätigen. Botanische Studien sowie chemische Experimente und deren Nutzung in der Medizin verdeutlichten, daß Rolfinck mit zu den Wegbereitern naturwissenschaftlichen Denkens und Experimentierens in der Medizin gehörte.
Kriegswirren, Hungersnöte und Pestepidemien
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| Jena um 1650. Das Idyll trügt. Die 4000-Seelen-Stadt wurde in der ersten Hälfte des 17. Jh. in die Wirren des 30jährigen Krieges hineingezogen sowie von Pestepidemien und Hungersnöten mehrfach heimgesucht |
In die Wirren des Dreißigjährigen Krieges mit Truppendurchmärschen, Einquartierungen, Brandschatzungen und Plünderungen wurde auch Jena hineingezogen.
Nachdem im Jahre 1635 zunächst sächsische Soldaten einquartiert wurden, die, wie der zeitgenössische Chronist Adrian Beier berichtete, "die einwohner erbärmlich gequält haben ...", kamen die Stadt und ihre Einwohner im folgenden Jahrzehnt nicht mehr zur Ruhe. 1636 brandschatzten die Schweden die Stadt und auch in den Folgejahren "bedienten" sich Schweden, Kaiserliche, Franzosen und Landsknechte aus aller Herren Länder gemäß dem Motto "Der Krieg ernährt den Krieg" in der Stadt. Eine Hungersnot, verbunden mit einer langanhaltenden Kälteperiode, machte vor allem die Jahre 1639/40 für viele Einwohner nahezu unerträglich und versetzte dem Jenaer Weinbau (fast) den Todesstoß, da die meisten Weinstöcke in jenem kalten Winter und Frühjahr erfroren bzw. von den Schweden als Heizmaterial genutzt und verfeuert wurden.
Die Auswirkungen des Krieges sowie mehrmalige Pestepidemien, denen allein 1626 mehr als 1000 und 1636 fast 500 Jenenser zum Opfer gefallen sein sollen, hatten natürlich auch ausgesprochen negative Auswirkungen auf die Universität und führten zu einem dramatischen Rückgang der Studentenzahlen in Jena. Diese erholten sich nach dem Ende des Krieges, das sich im Oktober 1998 zum 350. Mal jährt, aber relativ schnell und erreichten schon bald wieder eine Zahl von etwa 120.
Stärkere Praxisorientierung in der Ausbildung der Mediziner
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| Georg Wolfgang Wedel betätigte sich in Jena als praktischer Mediziner, Chemiker, Pharmazeut und Pharmakologe |
Die in Jena vor allem mit dem Namen des Mathematikers Erhard Weigel verbundene Hinwendung zu naturwissenschaftlichem Denken beeinflußte auch zahlreiche Mediziner wie die Rolfinck-Mitarbeiter und -Schüler Paul Marquart Slegel, Christoph Schelhammer, August Heinrich Fasch, Johann Theodor Schenck, Georg Wolfgang Wedel oder Adrian Slevogt und damit auch die Medizinerausbildung, die sich nunmehr stärker auf "realia" und die Praxis orientierte. Johann Theodor Schenck beispielsweise veröffentlichte als Professor der Botanik und Direktor des Botanischen Gartens neben einem "Catalogus plantarum horti medici jenensis" weitere wichtige Werke zur Botanik.
Mit Rudolf Wilhelm Krauß kam 1671 ein Gelehrter nach Jena, der gemeinsam mit Georg Wolfgang Wedel sen. die "Chimiatrie" an der Universität begründete, die hier bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts die vorherrschende Richtung in der Medizin bleiben sollte. Die Chimiatrie sah im Gleichgewicht von Säure und
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| Georg Erhard Hamberger, ein universaler Gelehrter, gehörte um die Mitte des 18. Jh. zu den bedeutendsten Professoren an der "Salana" |
Lauge im Blut und in den "Körpersäften" die Voraussetzung für Gesundheit und die normale Funktion des Körpers. Wedel, der erst im 76. Lebensjahr und nach 96 Semestern Lehrtätigkeit seine akademische Laufbahn im Jahre 1721 beendete, galt auch als ausgezeichneter Pharmazeut, der die Chemie in den Dienst der Heilkunde stellte.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts prägten neben Wedel Persönlichkeiten wie Georg Erhard Hamberger, der sich vor allem als Physiologe einen Namen machte und dessen langjähriger Streit mit dem Göttinger Naturwissenschaftler und Mediziner Albrecht von Haller um die Atemtechnik in die Wissenschaftsgeschichte einging, sowie Hermann Friedrich Teichmeyer, der in Jena ein neues Gebiet, die Gerichtsmedizin, las, die Medizinische Fakultät. Teichmeyer setzte sich für die Durchführung gerichtlicher Obduktionen ein und schuf damit die Grundlage für die verstärkte Nutzung ärztlicher Gutachten in der Jurisdiktion.
In der Chirurgie bemühte sich Karl Friedrich Kaltschmied erfolgreich, die chirurgische Tätigkeit wissenschaftlich zu fundieren und vom Standard der Wundärzte und Barbiere auf ärztliches Niveau zu heben. Ernst Anton Nikolai und Johann Ernst Neubauer schufen die Grundlagen der Augenheilkunde in Jena. Johannes Friedrich Faselius schließlich machte sich nicht nur als Gerichtsmediziner - er setzte sich hier unter anderem für eine Beschränkung der Anwendung der Folter ein - einen Namen, sondern auch um die Geburtshilfe verdient. Eine von ihm vorgeschlagene "Hebammen-Eignungs-Prüfung" wurde einige Jahrzehnte später unter Justus Christian Loder in Jena eingeführt.
Im ausgehenden 18. Jahrhundert eine der "ersten Adressen" in Deutschland
All dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Ausbildung der Medizinstudenten, die um 1800 einen Anteil von 25% an der Jenaer Studentenschaft stellten. Die Lehre erhielt einen immer stärkeren Praxisbezug - wie etwa den Unterricht am Krankenbett und wurde durch neue Erkenntnisse aus Medizin und Naturwissenschaften deutlich verbessert. Auch die Aufgaben der drei Ordinariate an der Medizinischen Fakultät wurden entsprechend modifiziert. So las der Ordinarius für praktische Medizin auch Chemie, während der für Anatomie und Chirurgie zugleich Botanik las. Der dritte Professor hielt schließlich die lectiones in theoretischer Medizin. Angesichts der skizzierten Entwicklung und zahlreicher namhafter Professoren gehörte die Medizinische Fakultät Jena im ausgehenden 18. Jahrhundert zu den "ersten Adressen" in Deutschland.
mv
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