KM-Mosaik  
KM-Mosaik:     Ausstellungen zur Uni- und Fakultäts-Geschichte
Jenaer akademische Geburtsmedizin im Wandel der Zeiten
Ehemalige Jenaer Hebammenschülerinnen trafen sich
Zwiener-Preis verliehen
Fit sein mit Hartwig Gauder
Sommerfest in der Kinderklinik

Glasfragmente
Urinalfragmente aus der "Schrötersburg". Urinale wurden bei der Harnschau verwendet; Foto: Szabó

Zwischen Elfenbeinturm und Krankenbett

Universität und Medizinische Fakultät präsentieren ihre Schätze

Im Winter 1998/99 wurden bei Ausgrabungen im Jenaer Stadtzentrum zahlreiche Glas- und Keramikfragmente gefunden. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Doch bei diesen Scherben handelte es sich nicht nur um die Überreste von Vorratsgefäßen, Koch- oder Tischgeschirr, sondern auch von Gläsern und Glasgeräten, die Mediziner und Apotheker nutzten. Beispielsweise Urinale für die Harnschau, jahrhundertelang eine der wichtigsten diagnostischen Methoden. Die Grabung fand im Hofbereich des Grundstücks Löbderstraße 5 statt, wo sich seit dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts das Wohnhaus des Medizin-Professors und Gründungsrektors der Jenaer Universität, Johann Schröter, befand. Schröter arbeitete hier als Arzt und Apotheker und die Funde geben interessante Einblicke in seine praktische medizinische und pharmazeutische Tätigkeit.
"Ein Glücksfall für unsere Ausstellung", sagte Dekan Prof. Dr. Klaus Benndorf während der Eröffnung der Jubiläumsschau "Schätze der Medizinischen Fakultät", die in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Jena entstand und seit dem 8. Mai 2008 in der "Göhre" zu sehen ist.


Vielleicht hat Johann Schröter in der so genannten "Schrötersburg" auch seine kleine Schrift über die Pest verfasst, die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen ist – und mit ihr das geballte medizinische Wissen aus zwei Jahrtausenden. Darunter dickleibige Folianten von Galen, Avicenna und Vesal. Werke, die auch im 16. Jahrhundert sehr selten und außerordentlich wertvoll waren. Die Bibliothekare früherer Jahrhunderte legten sie deshalb an die Kette. Der heutige Betrachter fragt sich, ob das wirklich nötig war. Denn einfach war es gewiss nicht, diese voluminösen und schweren Bände aus der Bibliothek zu entwenden, und er fühlt mit den Studiosi, die die Inhalte dieser jahrhundertelang ausschließlich in Latein verfassten "Wälzer" pauken mussten.

Mehr als 200 Jahre alte Krankenberichte

Die Sektion menschlicher Leichen und die Nutzung anatomischer Präparate erhöhten vor allem seit dem 17. Jahrhundert die Anschaulichkeit und Praxisbezogenheit des Medizinstudiums. Die Jenaer Anatomische Sammlung zeigt historische Exponate – unter anderem Skelette, Skelettteile und Wirbelsäulenschnitte – und informiert über das Wirken der Jenaer Anatomen vom 16. bis in das beginnende 20. Jahrhundert. So wie Werner Rolfinck im 17., prägten Justus Christian Loder und Johann Christian Stark der Ältere die Jenaer Medizin im ausgehenden 18. Jahrhundert. Beide waren ausgezeichnete Chirurgen und Geburtshelfer. Die Ausstellung präsentiert historisches chirurgisches Instrumentarium sowie Geburtszangen und -haken aus der Sammlung der Frauenklinik und dokumentiert den vor rund zwei Jahrzehnten entdeckten und erst in den letzten Jahren wissenschaftlich ausgewerteten Briefwechsel Starks sowie dessen Krankenberichte aus den Jahren 1775 bis 1800. Darunter allgemeine Fallbeschreibungen, medizinische Gutachten, Sektions- und geburtshilfliche Berichte, "Aufzeichnungen, die überwiegend von Stark selbst verfasst wurden und die", so Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, "in dieser Form Seltenheitswert besitzen".
Geburtsmodell und Geburtsstuhl
Geburtsmodell und Geburtsstuhl; Foto: Vöckler

Für die Ausstellung nachgebaut wurde der Geburtsstuhl, den der Jenaer Hofmechaniker Georg Christoph Schmidt einst im Auftrag Loders anfertigte und der den Betrachter schon auf den ersten Blick überrascht: Helle und freundliche Farben statt erdrückendem dunklem Holz und Leder. Loder, so der stolze Konstrukteur, habe den Stuhl "für gut befunden, so, daß derer verschiedene nach dieser Einrichtung zum Gebrauch verfertigt wurden". Sein Geburtsstuhl, so Schmidt, habe verschiedene Vorzüge: Man könne die Rückenlehne und die Fußtritte verstellen und ihn mit wenigen Handgriffen in eine Bettstelle verwandeln. Und er war transportabel, erläuterte Prof. Schleußner. Zusammengeklappt konnte er auch bei Hausgeburten eingesetzt werden. Allerdings wog er rund 70 kg und es waren zwei kräftige Männer erforderlich, um ihn zu transportieren.

Außergewöhnliche Leistungen in Forschung und Krankenversorgung

Mit dem 1804 eröffneten "Fürstlich-Sächsisch-Weimarischen Irreninstitut" besaß Jena eine der ersten universitären Einrichtungen zur Behandlung psychisch Kranker in Deutschland. Die Ausstellung erinnert an einige seiner ersten Direktoren: Dietrich Georg Kieser und Friedrich Siebert. Unter Sieberts Direktorat wurde die heutige Klinik am Philosophenweg errichtet, wodurch sich die Aufenthaltsbedingungen für die Kranken, die damals oft Jahrzehnte ihres Lebens in der Anstalt verbrachten, deutlich verbesserten. Sieberts Nachfolger Otto Binswanger, seit 1882 Professor für Psychiatrie in Jena, reformierte den Umgang mit den "Irren" grundlegend. Er öffnete die Zellentüren und verbot die Anwendung körperlichen Zwanges, was inner- und außerhalb der Klinik allerdings auf wenig Verständnis stieß und dazu führte, dass die meisten Mitarbeiter kündigten. Die Ausstellung erinnert auch an Binswangers bedeutendste wissenschaftliche Leistung, die Erstbeschreibung der so genannten "Binswanger-Encephalopathie". Der einzige je für einen Nobelpreis vorgeschlagene Jenaer Mediziner, Hans Berger, revolutionierte mit der Entdeckung des "Elektrenkephalogramms" im Jahr 1924 die Hirnforschung. Berger, seit 1919 Direktor der Klinik, begann erst Ende der 20er Jahre mit der Publikation seiner bahnbrechenden Erkenntnisse, die bei weitem nicht alle Fachkollegen überzeugten. Einige lehnten Messungen am Gehirn als dem Sitz der Seele sogar grundsätzlich ab. Doch Bergers EEG setzte sich gegen alle Widerstände durch und eröffnete der Neurologie völlig neue klinisch-diagnostische Möglichkeiten.
Medizinisches Instrumentarium
Historisches medizinisches Instrumentarium aus der Meyer-Steineg-Sammlung ; Foto: Vöckler

1954 entwickelte Johannes Sayk, damals ein junger Arzt an der Jenaer Nervenklinik, eine Zell-Sedimentationskammer zur Untersuchung des Liquor, der Zellen der Hirn- und Rückenmarkflüssigkeit. Sayk hatte erst zwei Jahre zuvor sein Medizinstudium an der Friedrich-Schiller-Universität abgeschlossen. 1961 erhielt er eine Professur an der Uni Rostock. Seine Entwicklung erweiterte die Möglichkeiten der Liquorzytologie und der Verlaufs- bzw. Therapiekontrolle neurologischer Erkrankungen.
Von ganz besonderem Interesse für die Geschichte der Chirurgie sind die Operationstagebücher Bernhard Riedels, die detaillierte Einblicke in die operativen Möglichkeiten und Techniken vor mehr als 100 Jahren geben. Riedel, der 1888 auf den Jenaer Lehrstuhl für Chirurgie berufen worden war, gehörte zu den Pionieren der Blinddarmoperation und machte sich auch als Gallenchirurg einen Namen. In den 11 erhaltenen OP-Tagebuchbänden sind fast alle Operationen dokumentiert, die er während seiner mehr als 20-jährigen Tätigkeit in Jena durchführte.
Theodor Meyer-Steineg war kein Chirurg. Er war Augenarzt und Jurist und ein begeisterter Sammler historischen medizinischen Instrumentariums, das er von Thüringer Ärzten und Apothekern kaufte oder als Geschenk erhielt. Er ergänzte seine Sammlung, die er 1910 der Medizinischen Fakultät übertragen hatte, während einer Studienreise nach Griechenland und Kleinasien durch Originale und Kopien antiker medizinischer Instrumente. 1911 erhielt er eine außerordentliche Professur für Geschichte der Medizin an der Universität Jena, die er mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten allerdings wieder verlor. Die "Schätze der Medizinischen Fakultät" zeigen zahlreiche Exponate aus der Meyer-Steineg-Sammlung, darunter augenärztliches und chirurgisches Instrumentarium sowie Instrumente zur Versorgung menschlicher Schädelverletzungen.

Anatomische Modelle aus Elfenbein

Anatomische Modelle
Anatomische Modelle aus Elfenbein; Foto: Schröder

Medizinische Exponate gehören auch zu den "Schätzen der Universität". Die Ausstellung wurde am 7. Mai im Jenaer Universitätsforum eröffnet. Aus der Meyer-Steineg-Sammlung sind unter anderem ein eindrucksvolles Trepanationsbesteck aus der Zeit um 1830 und ein hölzernes geburtshilfliches Modell aus dem 17. Jahrhundert zu sehen. Zu den Prunkstücken der Ausstellung gehören ganz gewiss die kleinen anatomischen Modelle einer Frau und eines Mannes aus Elfenbein, die Ende des 17. Jahrhunderts zu Lehrzwecken angefertigt wurden. Trockenpräparate von Hand und Fuß, Kopf und Hals, die die Anatomische Sammlung der Medizinischen Fakultät zur Verfügung stellte, verdeutlichen die hohe Kunst des Präparierens. Die Frauenklinik zeigt eine Geburtszange aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert, der Gründungszeit des Jenaer Accouchierhauses.
Historische Schädel mit Hiebverletzungen und weitere menschliche Skelettteile präsentiert die Osteologische Sammlung des Instituts für Humangenetik. Diese verfügt über Skelette und Skelettreste von fast 25.000 menschlichen Individuen, aus denen die Wissenschaftler unter anderem Rückschlüsse auf altersspezifische Veränderungen, geschlechtsspezifische Merkmale, die Körperhöhe, degenerative Veränderungen des Skeletts sowie den Abnutzungsgrad und Krankheiten der Zähne ziehen.
Medizinische Fragestellungen finden sich auch in einigen Exponaten anderer Sammlungen: Ein mehr als 2200 Jahre altes Fragment aus der Jenaer Papyrussammlung berichtet über einen Mann aus Syene, der vorgab nachtblind zu sein und deswegen seinen Dienst nicht ausüben konnte. Er sollte vorgeführt und dabei vermutlich auch medizinisch begutachtet werden. Ausgestellt ist auch eine über 2500 Jahre alte Tonschale mit Beschwörungsformeln gegen Krankheitsdämonen in babylonisch-aramäischer Sprache. Die Schale stammt aus der Hilprechtschen Sammlung, die rund 3000 Keilschrifttexte aus drei Jahrtausenden umfasst.
Medizinische Fakultät und Universität präsentieren zwei gelungene Ausstellungen zum 450. Universitätsjubiläum. Der Wert der meisten "Schätze" ist freilich nicht materieller, sondern ideeller Natur. "Die Stücke symbolisieren Forscherdrang und Experimentierlust, Berufung zum Sammeln des Fachwissens und zu seiner Weitergabe", betonte Prof. Benndorf. mv

Sonderöffnungszeiten der Anatomischen Sammlung

Im Jubiläumsjahr der Friedrich-Schiller-Universität ist die Anatomische Sammlung der Medizinischen Fakultät am 20. August, am 17. September und am 15. Oktober jeweils von 12.00 bis 18.00 Uhr für Besucher geöffnet. Führungen finden 13.00, 15.00 und 17.00 Uhr statt. Die Sammlung befindet sich im Erdgeschoss des Instituts für Anatomie am Teichgraben 7.

Zurück zum Seitenanfang


Vom Accouchierhaus zum Perinatalzentrum

Die Jenaer akademische Geburtsmedizin im Wandel der Zeiten

Accouchierhaus
Das erste Jenaer Entbindungshaus: Jahrzehntelang dem Verfall preisgegeben, wurde das 1556 errichtete Gebäude zwischen 2000 und 2003 aufwändig und denkmalgerecht saniert; Foto: Schröder

Die Anfänge der akademischen Geburtsmedizin in Jena liegen im April 1779, als das so genannte Accouchierhaus eröffnet wurde. Es war nach Göttingen das zweite Entbindungshaus in Deutschland. Dessen Einrichtung hatten im Jahr zuvor Herzog Carl August von Sachsen-Weimar, dessen Minister Johann Friedrich Hufeland der Ältere und der Jenaer Medizinprofessor Justus Christian Loder beschlossen.
Eingerichtet wurde die Entbindungsanstalt – der Begriff "Accouchierhaus" leitet sich vom französischen "accoucher" für niederkommen bzw. entbinden ab – im so genannten Hertelschen Haus, das einen eigenen Brunnen und sogar einen Blitzableiter hatte und sich gut für die Betreuung von Schwangeren und Wöchnerinnen eignete, sagte der Direktor der Abteilung Geburtshilfe der Jenaer Universitäts-Frauenklinik, Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, der im Rahmen der Vorlesungsreihe zur Geschichte und Zukunft der Medizin an der Jenaer Universität über das Thema "Von Kindsnöten zum Geburtsevent – Geburtsmedizin in Jena" sprach.

Unehelich Schwangere wurden zwangseingewiesen

Im Jenaer Accouchierhaus, das zunächst mit sechs und später mit acht Betten ausgestattet war, wurden aber nicht nur Schwangere betreut, sondern auch Hebammen und Studenten ausgebildet. "Die Hebammenausbildung dauerte zwischen drei und fünf Monaten, die Schülerinnen erhielten wöchentlich acht Groschen, Unterkunft und Heizung waren frei, nur verpflegen mussten sie sich selbst", erläuterte Prof. Schleußner. Vollständig kostenlos war in den ersten Jahren der Aufenthalt für die werdenden Mütter, von denen die meisten dennoch nicht freiwillig in das Entbindungshaus kamen. Alle unehelich Schwangeren gemeinen Bürger- und Bauernstandes seien vierzehn Tage vor ihrer zu vermutenden Niederkunft in das Hebammeninstitut einzuweisen, lautete ein herzoglicher Erlass. Außerdem sollten diejenigen, die einen "unbekannten Täter" angaben, von der in diesem Falle üblichen vierwöchigen Zuchthausstrafe verschont werden, wenn sie in das Accouchierhaus gingen. "Dementsprechend lag die Aufsicht über das Haus auch nicht bei der Universität, sondern bei der Landespolizei. Medizinisch geleitet wurde das Entbindungshaus von Prof. Loder, der zunächst bei jeder Geburt persönlich anwesend war und später nur noch hinzu gerufen wurde, wenn es Komplikationen gab oder operiert werden musste", erläuterte Prof. Schleußner und zitierte aus den frühesten Aufzeichnungen über Geburten im Accouchierhaus. Sie stammen von Johann Christian Stark dem Älteren, zunächst Loders Subdirektor und seit 1804 dessen Nachfolger. Als erste Patientin wurde am 3. April 1779 Dorothea Ludewig im Accouchierhaus von einem Mädchen entbunden. Die Geburt verlief nicht komplikationslos, bei dem Neugeborenen musste ein Harnröhrenverschluss eröffnet werden. Mit Erfolg, am 18. April konnten Mutter und Kind das Accouchierhaus gesund verlassen. "Bei weitem nicht alle Geburten endeten glücklich", sagte Prof. Schleußner, "dennoch waren die Mütter- und die Säuglingssterblichkeit im Jenaer Accouchierhaus, wo die Frauen ihre Kinder unter ärztlicher Aufsicht und zumeist unter besseren hygienischen Bedingungen zur Welt bringen konnten, für die damalige Zeit relativ gering."
Das Haus wurde jedoch weiter argwöhnisch betrachtet und von vielen abgelehnt. Den werdenden Müttern war in einer Zeit, in der die Hausgeburt Normalität war, die Niederkunft in einem Entbindungshaus nur schwer zu vermitteln. Außerdem wollten "ehrbare Frauen" nicht dort entbinden, wo die unehelich Schwangeren – damals eine "Schande" – zwangseingewiesen wurden, und niemand wollte freiwillig die "Touchierübungen" der Medizinstudenten – in jener Zeit ausschließlich junge Männer – über sich ergehen lassen. Schließlich fürchteten die Schwangeren im Falle ihres Todes während oder nach der Geburt – ähnlich hingerichteten Verbrechern – als Demonstrationsobjekt im Anatomie-Unterricht Verwendung zu finden, was laut Justus Loder unter dessen Direktorat jedoch niemals geschah. "Loder", so Ekkehard Schleußner, "bemühte sich deshalb beim Herzog mit einigem Erfolg um eine Entkriminalisierung des Accouchierhauses, die Zahl der Entbindungen hielt sich mit 20 bis 25 pro Jahr aber dennoch in Grenzen." Eine größere Anziehungskraft übte die sehr praxisorientierte Ausbildung auf die Studierenden aus. 1795 studierten 240 künftige Mediziner – mehr als ein Viertel aller Jenaer Studenten – an der Salana. 1804 übernahm Prof. Johann Christian Stark die Leitung des Hauses, das während der Schlacht bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 zunächst als preußisches Quartier und später als Lazarett für die zahlreichen Verletzten genutzt wurde. Unter Starks Nachfolger, seinem Neffen Johann Christian Stark dem Jüngeren (1811 bis 1837), fanden jährlich bis zu 40 Entbindungen statt, maximal zwei Mütter verstarben pro Jahr während oder in den Tagen nach der Geburt.

Besonderen Wert auf hygienische Verhältnisse gelegt

Am 1. Oktober 1830 wurde in der Bachstraße die neue Entbindungsklinik des Weimarer Hofarchitekten Clemens Wenzeslaus Coudray eröffnet, die zu den modernsten Deutschlands gehörte. Der neue Direktor, Prof. Karl Friedrich Suckow, legte besonderen Wert auf die hygienischen Verhältnisse und verfügte bereits in den 1830er Jahren – noch vor der Entdeckung der Ursachen des Kindbettfiebers durch Semmelweis – dass die Wochenzimmer nach einer Belegung 10 bis 12 Tage leer stehen sollten und die Wände vor einer erneuten Belegung durch Chlorkalkabwaschungen zu desinfizieren seien. Mit etwa 65 Entbindungen pro Jahr konnte auch die Zahl der Geburten deutlich gesteigert werden. Diese Entwicklung setzte sich unter Eduard Martin (1846-1858) fort, der nach seiner Jenaer Zeit Direktor der Berliner Charité wurde und unter anderem den späteren Kaiser Wilhelm II. entband. Martins Nachfolger, Bernhard Sigismund Schultze, kam aus Berlin nach Jena. Schultze leitete die Klinik 45 Jahre lang bis 1903 und war die prägende Persönlichkeit der Jenaer Geburtshilfe und Frauenheilkunde im 19. Jahrhundert. Er gehörte zu den Begründern der wissenschaftlichen Gynäkologie und operierte als einer der ersten Eierstock- und Gebärmutterkarzinome. Außerdem legte er besonderen Wert auf Sauberkeit und Hygiene – vor allem die gründliche Desinfektion der Hände. 1865 hatte er die Klinik erweitern und einen neuen Operationssaal anbauen lassen, der sogar mit einem Flaschenzug ausgerüstet war, um die zum Teil riesigen gynäkologischen Tumoren zu heben. Der gebürtige Greifswalder wurde nach seiner Emeritierung Jenaer Ehrenbürger und erhielt für sich und seine Nachkommen das Recht, Jena als Namenszusatz zu tragen. In den Jahren 1904 bis 1906 wurde das heutige Klinikgebäude errichtet, da auch die Coudray-Klinik, die 1945 durch Bomben zerstört wurde, den neuen medizinischen Anforderungen und vor allem den ständig steigenden Patientinnenzahlen – inzwischen wurden pro Jahr mehr als 220 Entbindungen durchgeführt – nicht mehr genügte. In der Zeit des "Dritten Reiches", so Prof. Schleußner, war die Jenaer Universitäts-Frauenklinik eng mit dem so genannten Erbgesundheitsgericht verbunden und der Ort von Zwangssterilisationen.

Auch sehr früh Geborene haben im Jenaer Perinatalzentrum gute Chancen

Heute ist die in den 1990er Jahren grundlegend sanierte und um einen OP-Anbau erweiterte Frauenklinik Teil des Jenaer Perinatalzentrums, in dem Spezialisten der verschiedensten Gebiete eng zusammenarbeiten, sagte Prof. Schleußner, der sich erfreut zeigte, dass nach Jahren dramatisch sinkender Geburtenzahlen (von 2867 im Jahr 1982 auf 915 im Jahr 1993) seit einigen Jahren ein Anstieg zu verzeichnen ist. "Im letzten Jahr wurde erstmals wieder die Zahl von 1300 Geburten überschritten, eine Tendenz, die sich auch 2008 fortsetzt." Das Jenaer Perinatalzentrum wurde bereits Mitte der 1980er Jahre gegründet, um vor allem die Situation von Risikoschwangeren und Spätgebärenden zu verbessern, deren Zahl besonders im letzten Jahrzehnt deutlich zugenommen hat. "Waren Erstgebärende an der Universitäts-Frauenklinik Anfang der 90er Jahre durchschnittlich 22 Jahre alt, sind sie heute 27. Mehr als die Hälfte haben das 30. Lebensjahr bereits überschritten und knapp fünf Prozent sind 40 Jahre und älter. Das führt zu einer erhöhten Frühgeburtlichkeit und zu einer deutlichen Zunahme operativer Entbindungen, deren Zahl sich seit den 80er Jahren verdreifacht hat und derzeit bei knapp 30 Prozent liegt", sagte Prof. Ekkehard Schleußner, der gleichzeitig auf die hohen Überlebensraten selbst sehr früh Geborener am Perinatalzentrum Jena verwies. "Dank der sehr guten Zusammenarbeit mit der Neonatologischen Intensivtherapie überleben selbst von den Kindern, die mit Vollendung der 24. Schwangerschaftswoche geboren werden, deutlich mehr als 50 Prozent. Von den 141 Kindern, die im letzten Jahrzehnt an unserer Klinik mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm zur Welt kamen, überlebten sogar mehr als 92 Prozent." Eine deutlich verbesserte pränatale Diagnostik ermöglicht es zudem, Fehlbildungen im Mutterleib sehr früh zu erkennen und rechtzeitig medizinisch zu reagieren. Die steigende Inanspruchnahme von künstlicher Befruchtung und Hormonbehandlung führt zudem zu steigenden Mehrlingsschwangerschaften. Im September 2003 wurden in Jena sogar Vierlinge geboren. mv

Zurück zum Seitenanfang


Weltweit gefragt

Ehemalige Jenaer Hebammenschülerinnen trafen sich am UKJ

Ehemalige Jenaer Hebammenschülerinnen
Mehr als 60 ehemalige Jenaer Hebammenschülerinnen feierten auf dem Gelände vor der Frauenklinik; Foto: Kipping

Die Gründung des Accouchierhauses vor 230 Jahren war auch die Geburtsstunde der Hebammenausbildung in Jena. "Wir haben deshalb am 28. Juni ein Treffen früherer Jenaer Hebammenschülerinnen durchgeführt, zu dem wir bei herrlichem Wetter und bester Stimmung mehr als 60 ‚Ehemalige‘ begrüßen konnten", sagt Gabriele Fischer, die die Wiedersehensfeier gemeinsam mit der Leitenden Hebamme der Jenaer Frauenklinik, Kerstin Merker, Hebamme Franziska Dietzsch und Monika Kipping von der SBBS Gesundheit und Soziales organisierte.
Nach Jena gekommen waren Hebammen aus ganz Deutschland und sogar eine Kollegin, die heute in Kanada tätig ist. "Ganz besonders haben wir uns gefreut, dass wir auch Hanna Kügler, die ihre Ausbildung vor fast 60 Jahren beendete und bis 1983 an unserer Klinik als Hebamme tätig war, begrüßen konnten. Ebenso unsere früheren Leitenden Hebammen Waltraud Kellner und Marita Schmidt sowie mehrere ehemalige Hebammenlehrerinnen und -lehrer." Selbstverständlich gibt es an einem solchen Tag vor allem viel zu erzählen, darüber hinaus hörten die Hebammen aber auch Vorträge über die Geschichte der Jenaer Frauenklinik und der Hebammenausbildung sowie über das Leben einer der ersten Hebammen, die Ende des 18. Jahrhunderts in Jena ausgebildet wurden.
Die Jenaer Hebammenschule steht seit ihrer Gründung für Qualität in der Ausbildung und deshalb sind die Absolventinnen nicht nur in allen Teilen Deutschlands, sondern auch weit darüber hinaus gefragt und heute unter anderem in der Schweiz, in Kanada, in Guatemala, in Neuseeland, in Dubai und im Jemen tätig. In den letzten drei Jahrzehnten verließen übrigens 309 Absolventen die Jenaer Ausbildungsstätte: 308 Hebammen und ein Entbindungspfleger. mv

Zurück zum Seitenanfang


Den Traum von Frieden, Freiheit und Verständigung bewahren

"Und er griff das Kind bei der Hand und sprach zu ihm: Talitha Kumi! Das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, stehe auf!", heißt es im Markus-Evangelium 5,41. "Talitha Kumi" ist auch der Name einer Schule bei Jerusalem, die christlichen und muslimischen palästinensischen Mädchen und Jungen Bildungsmöglichkeiten bietet.
1851 als Waisenhaus und Schule von Theodor Fliedner, dem Gründer des Diakoniewerks in Kaiserswerth für arabische Mädchen errichtet, wurden hier bereits sieben Jahre später mit Unterstützung des Jerusalemvereins 32 arabische, jüdische und armenische Kinder unterrichtet. Als die Einrichtung 1868 den Namen "Talitha Kumi" erhielt, war deren Zahl bereits auf 89 angewachsen. 1959 wurde in Beit Jala bei Bethlehem das neue "Talitha Kumi" errichtet. 1975 vom Berliner Missionswerk übernommen, wurde die Schule ständig erweitert: 1995 um eine Hotelfachschule und 2004 um einen Kindergarten. 1997 wurde "Talitha Kumi" in den Verband der UNESCO-Schulen aufgenommen.
Zwiener-Preis
Der Vorsitzende der Stiftung, Hendrik Zwiener, überreichte Wilhelm Goller (r.) die Auszeichnung; Foto: Scheere

Die Förderung der internationalen Verständigung und die Respektierung der Menschenrechte, vor allem dort, wo diese Aufgabe besonders schwierig ist, war das Anliegen Prof. Zwieners, sagte der Rektor der Friedrich Schiller Universität Jena, Prof. Dr. Klaus Dicke, am 29. April 2008 anlässlich der Verleihung des Preises für internationale Verständigung und Menschenrechte der Ulrich-Zwiener-Stiftung an den langjährigen Leiter des Schulzentrums "Talitha Kumi", Wilhelm Goller. Goller habe zahlreichen Mädchen und Jungen aus dem Konfliktgebiet Palästina Perspektiven aufgezeigt und neue Wege gewiesen. "Heute lernen in ‚Talitha Kumi‘ 850 palästinensische Schülerinnen und Schüler, Christen und Muslime", sagte der Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Dr. Johannes Friedrich, der selbst Propst der evangelischen deutschsprachigen Gemeinde in Jerusalem war. "Die hohe Qualität der Ausbildung an dieser traditionell von einem deutschen Direktor geleiteten Einrichtung ist allgemein anerkannt, entsprechend begehrt sind die Abschlüsse." Wilhelm Goller leitete die Schule von 1995 bis zu seiner Pensionierung 2004 und bemühte sich in einer politisch sehr schwierigen Zeit auch um eine Annäherung zwischen palästinensischen und israelischen Schülern. Wilhelm Goller und seine Ehefrau lebten Verständigung, Versöhnung, Toleranz und Menschenrechte, betonte Bischof Friedrich.
Goller selbst wollte den Preis als Auszeichnung für das gesamte Schulzentrum und dessen Träger verstanden wissen. "Wir haben unser Tun immer als Gemeinschaftsaufgabe verstanden", sagte er. Trotz aller Probleme und des scheinbar nie enden wollenden Konflikts in der Nahostregion habe er sich seinen Traum von Frieden, Freiheit, Verständigung und Toleranz bewahrt: "Schließlich befindet sich ‚Talitha Kumi‘ nur drei Kilometer von der Geburtskirche Christi, sechs Kilometer von der Al-Aqsa-Moschee und der Klagemauer und keine 10 Kilometer von Yad Vashem entfernt." mv

Zurück zum Seitenanfang


Vier Regeln für eine bessere Fitness

Hartwig Gauder
Hartwig Gauder; Foto: Fromm

Die "Durchsicht" vor dem Durchstarten

Im letzten KLINIKMAGAZIN haben wir die vier Schritte auf dem Weg zu körperlicher Fitness kennen gelernt. Heute betrachten wir den ersten Schritt, unsere Ausgangssituation. Ohne unseren körperlichen Zustand genau zu kennen, sollten wir uns kein Fitness-Ziel vornehmen. Niemand würde an einem Gerät eine Reparatur durchführen, ohne zunächst die genaue Ursache des Defekts zu ermitteln, und auch der Arzt untersucht uns erst, ehe er die Diagnose stellt und mit der Behandlung beginnt. Die exakte Ermittlung des aktuellen Leistungszustandes galt auch stets für die Verbesserung meiner eigenen körperlichen Fitness, denn dies verhindert, dass man sich überbelastet und damit ein erhöhtes Verletzungsrisiko eingeht. Das Erkennen meiner Ausgangssituation ermöglicht und erleichtert zudem die Zielformulierung und die Prognose. Doch wie kann ich meine Ausgangssituation richtig beurteilen? Dabei helfen die folgenden vier Fragen, die jeder ehrlich beantworten sollte: Eine Basisdiagnostik "Gesundheit und Körperkontrolle" ist in jedem Fall erforderlich, um mögliche Risikofaktoren des Sporttreibens auszuschließen. Deshalb sollte man für sich persönlich vier weitere Fragen beantworten: Wenn Sie eine dieser Fragen mit "Ja" beantwortet haben oder sich bei der Beantwortung unsicher sind, sollten Sie einen Arzt aufsuchen und sich Ihre Belastungsfähigkeit mit einer entsprechenden Untersuchung bestätigen lassen. Denn Sport ist im Allgemeinen zwar gesundheitsfördernd, liegen aber Krankheiten oder bestimmte Risikofaktoren vor, kann eine sportliche Belastung der Gesundheit auch schaden. Ich selbst musste dies erleben. Deshalb sollte man, auch wenn aus sportmedizinischer Sicht keine Bedenken gegen Sporttreiben bestehen, regelmäßige gesundheitliche Kontrollen durchführen lassen.
An dieser Stelle werde ich oft gefragt: "Kostet das denn nicht auch etwas?" Hier muss man klar und deutlich "Ja" sagen, denn von den Krankenkassen können derartige Untersuchungen nur in einem begrenzten Umfang finanziert werden. Doch die Investition in die eigene Gesundheit lohnt sich. Denken Sie außerdem einmal an ihr eigenes Fahrzeug oder an Kosmetika: Was geben Sie hier im Laufe eines Jahres aus? Sollte uns unser eigener Körper vor einer erhöhten sportlichen Betätigung und Belastung nicht auch eine "Durchsicht" wert sein?

Ihr Hartwig Gauder

Zurück zum Seitenanfang


Sommerfest
Kaum zu glauben: Die "Marghonas" mit ihren fliegenden Wagenrädern; Foto: Kinderklinik

Ein ganz außergewöhnlicher Tag

Der bunt geschmückte Garten mit Luftballons und Wimpelketten verriet, dass dies kein normaler Tag an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin sein würde. Dank der Unterstützung der Kinderhilfestiftung Jena e.V., der Gies Dienstleistungs-GmbH, der Schott Jenaer Glas GmbH, des ITL Ingenieurbüro Langer, der Jenaer Nahverkehrsgesellschaft und zahlreicher weiterer Sponsoren war es auch in diesem Jahr möglich, am 3. Juni unser traditionelles Sommerfest zu feiern. Ein Tag, den die Patienten mit den Angestellten und deren Kindern gemeinsam erlebten.
Das Sommerfest wurde durch unseren Klinikdirektor, Prof. James F. Beck, eröffnet und das Programm hielt jede Menge Höhepunkte bereit: die Exotic-Oriental-Show mit Samah Khan, das Animationsprogramm mit "Aselix und Obetix" oder die fliegenden Wagenräder mit den "Marghonas". Die Showtanzgruppe "Moonlights" aus Gotha, die Jenaer Chearleader, die Tanzgruppe aus Tautenburg und Philipps Livemusik rundeten das Programm ab. Toll war, dass man mit den Pferden vom Reitverein Cospeda sogar einen kleinen Ausritt machen konnte. Auch die Hüpfburg, das Nostalgiekarussell 1897, der Indianerverein, Elektroautos für die Kleinen sowie die vielseitige Spiel- und Bastelstraße fanden bei den Kindern großen Zuspruch. Und dem Kuchenangebot der Bäckerei Feid, den Bratwürsten der Agrargenossenschaft Bucha, dem Eis aus dem Eiscafé Nachtigall, der Zuckerwatte und den Getränken von Coca Cola Weimar konnte ohnehin niemand widerstehen. Vielen herzlichen Dank auch allen fleißigen Helfern, die uns bei der Durchführung des Festes unterstützt haben.

Das Erzieher-Team der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

Zurück zum Seitenanfang

Zurück zum Hauptmenü

Zur Titelseite